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Darstellungen des Kampfes 1914-1918
 
Lexikon der Wehrmacht
 

Wehrmacht-Lexikon

SCHICKSLALE IM 2.WELTKRIEG

Ermordete deutsche Soldaten /  Bucsa Ostungarn Oktober 1947

Sehr geehrte Damen und Herren,
Ich bin gebürtige Ungarin und lebe seit 1987 in Deutschland. Mein Geburtsort liegt in Ostungarn. Es ist ein kleines Dorf mit etwa 3000 Einwohnern und heißt Bucsa (Komitat Békés). Ich besuche oft meine Eltern und meine Schwestern dort und habe eine besondere Beziehung zu diesem Ort.

Bei meinem Aufenthalt Anfang Oktober in Bucsa erhielt ich ein Buch, in dem die Geschichte des Dorfes erzählt wird. In ei nem Kapitel des Buches beschäftigt sich der Autor Bíró Endre damit, wie die Dorfbewohner den 2. Weltkrieg erlebt haben. Unter anderem erinnert er sich an sieben hingerichtete deutsche Soldaten, die in einem sehr bescheidenem Grab am Rand des alten Dorffriedhofs liegen. Diese längst vergessene Geschichte hat mich tief berührt. Da Herr Biró genau recherchiert und mit Menschen gesprochen hat, die damals die Soldaten gesehen oder versteckt haben, bekamen sie für mich ein neues Gesicht.

Damals in den 60-er Jahren, als ich erstmal diese Hinrichtungsgeschichte gehört habe, hatte ich Phantome vor meinen Augen: große, böse Männer in langen Mänteln und mit Helmen, die wie Gulaschkessel aussahen. Ich war ein ungarisches Kind, das von der russischen Propagandamaschinerie manipuliert wurde. Als Pionier habe ich oft mit meinen Kameraden das Grab der fünf gefallenen russischen Soldaten gepflegt. Einmal hat unser Lehrer gesagt, dass wir auch das deutsche Grab in Ordnung bringen müssten. Wir hatten wenig Verständnis dafür, aber der Lehrer hat gesagt, dass sie auch junge Menschen waren, die in einen ungerechten Krieg geschickt worden sind, deshalb müssten wir sie respektieren. Diese Einstellung war für uns außergewöhnlich, aber überzeugend und mit diesem Argument haben wir auch später das Grab der deutschen Soldaten gepflegt.

Jetzt, als ich die Passagen von der Geschichte der sieben deutschen Soldaten in diesem Buch Ich sehe sieben blonde, sehr junge Menschen, die Anfang Oktober 1944 in durchnässten Kleidern frierend und ängstlich an das Fenster eines Bauernhauses an einem Einödhof geklopft haben, um Unterkunft für eine Nacht zu erhalten, ihre Kleider zu trocknen und etwas zu Essen bekommen. Nach der Meinung der Hausbewohner hatten sie nicht einmal eine Waffe.

Nach ein paar Tagen wurden sie in dieser Gegend gefasst. Da sie unbewaffnet waren, haben sie keinen Widerstand geleistet.

So wird im Buch die Hinrichtung beschrieben:
„Sie wurden in der evangelischen Kirche eingeschlossen und bewacht. Man weiß nicht, ob ihre kurze Gefangenschaft irgendwie dokumentiert worden ist. Die Namen sind bis heute unbekannt.

Nach ein paar Tagen wurden sie von bewaffneten russischen Soldaten in Richtung Kisbucsa begleitet. Sie haben die Neugierigen mit leisem Lächeln und Winken begrüßt, obwohl sie wahrscheinlich geahnt haben, was sie erwartet.

Manche Menschen haben vom Dachboden beobachtet, was mit den sieben netten, nicht sehr groß gewachsenen, jungen blonden Soldaten passierte. Viele haben geweint.

An dem Deich der Berettyó-Kanal wurden sie von dem Hinrichtungskommando erschossen. Von den Schüssen der Maschinengewehre waren die Bewohner von Bucsa geschockt. Sie wussten, was passierte. Die Vorschriften der Genfer Konvention existierte in dieser gottverlassenen Gegend nicht.

Hier wurden sie von den einheimischen „Helfern“ beerdigt, nachdem sie die Soldaten von Stiefeln und anderen Bekleidungsstücken bzw. von persönlichen Gegenständen „befreit“ hatten. Ein Soldat hatte eine Armbanduhr, die wurde auch weggenommen. Im Dorf wusste jeder, wer diese Uhr jahrelang nach dem Krieg getragen hat.“


Die Leichen wurden am Hinrichtungsort nur notdürftig verscharrt. Im Jahre 1947 wurden sie von einem Mann gefunden, der aus amerikanischer Gefangenschaft nach Hause kam und dieses, noch nicht bearbeitete Feldstück gekauft hat, wo die Soldaten lagen. Er hat mir erzählt, dass sich die Russen und ihre Helfer aus dem Dorf nicht mal die Mühe genommen haben, ein Grab zu schaufeln. Die Leichen waren nur mit einer dünnen Erdschicht bedeckt. Die sterblichen Überreste wurden dann im Friedhof neben fünf gefallenen russischen Soldaten beerdigt. In erzkommunistischen Zeiten durften sie nicht mehr dort bleiben. Sie wurden exhumiert und in einem neuen Grab beigesetzt, wo sie auch jetzt liegen, ohne Namen, ohne Identität.

Wer waren sie? Mütter, Geschwister durften nie erfahren, was mit ihren Liebsten passierte. Wurden sie von Ehefrauen oder Kindern zu Hause erwartet?

Herr Bíró hat eine bemerkenswerte Theorie. Ich zitiere ihn wieder:
„Sieben deutsche Soldaten ruhen auf dem Friedhof von Bucsa. Sieben junge Männer, die im Sturm des Krieges irgendwie in diese Gegend geraten sind. Ob sie ihre Einheit verloren haben, die vor den Russen geflüchtet ist, kann man nicht wissen. Die Zahl Sieben lässt noch eine andere Möglichkeit erahnen: Jeder Kampfflieger hatte siebenköpfiges Personal. Es könnte sein, dass die Besatzung eines notgelandeten Fliegers den Berettyo-Kanal bei Borz überquerte und an einem Bauernhof in Kisbucsa (kleine Ortschaften in dieser Gegend) Unterkunft suchte. Auf diese Fragen bekommen wir kaum noch eine Antwort nach mehr als sechzig Jahren.“

Ich hatte eine blasse Erinnerung an Erzählungen, dass bei der hier erwähnten Borz (ein Abschnitt der Puszta in der Nähe von Bucsa) noch lange nach dem Krieg ein verlassenes Militärflugzeug stand. Ich habe meinen Vater gefragt, ob das stimmt, oder ob das nur ein Hirngespinst ist. Er hat gesagt, dass es stimmt. Die in der Not sehr erfinderische Bevölkerung der Nachkriegszeit hat diese Maschine vollständig ausgeschlachtet. Ersatzteile, Metallstücke, alles was sie bewegen konnten, haben sie mitgenommen, um etwas daraus zu basteln. Der Rest wurde als Metallabfall verschrottet.

Wie kam überhaupt Anfang Oktober 1944 ein deutsches Militärflugzeug in diese Gegend, die schon von den Russen besetzt war? Haben sie sich verirrt? Der größte Teil des Landes ist noch von den Deutschen besetzt. In Budapest stürzt Szálasi Ferenc mit einem faschistischen Militärputsch die Horthy-Regierung die sich mit den Russen einigen wollten. Was passierte in unseren osteuropäischen Nachbarländern? Die rumänische Grenze liegt 75 km von diesem Ort entfernt, aber seit August 1944 war Rumänien ein russischer Verbündeter. Serbien ist auch nicht sehr weit. Wurden sie hingeschickt um zu kämpfen? Oder einfach nach Ungarn? Wurde dieser Einsatz irgendwo dokumentiert? Abgeschossen wurden sie nicht. Die notgelandete Maschine war angeblich nicht beschädigt. Das war eine glatte Notlandung, wahrscheinlich wegen technischer Fehler oder Treibstoffmangel. Die Besatzung blieb auch unverletzt. Ich suche nach Fragen, die vielleicht nie beantwortet werden können.

Es gibt noch eine Geschichte die als Hinweis betrachtet werden könnte:
Ein junges Mädchen in den 60-er Jahren hat bei Feldarbeiten einen Ring gefunden. Das Feldstück der Familie lag in unmittelbarer Nähe des Erschießungsortes neben dem engen Feldweg, wo die Soldaten zur Hinrichtung geführt worden sind. Kann sein, dass einer von ihnen, als er geahnt hat, dass sein Leben hier zu Ende geht, den Ring unbemerkt weggeworfen hat, weil er nicht wollte, dass sein wertvoller Familienschmuck oder Verlobungsring in fremde Hände kommt. Es war ein sehr schöner, gewichtiger Männerring aus Gold. Das Mädchen war Verkäuferin in einem Geschäft, und hat den Ring vielen Menschen gezeigt. Ich glaube aber, dass sie zwei Ringe daraus anfertigen ließ, ein Ring hat aber den optischen Charakter des alten Ringes bewahrt. In meiner Erinnerung ist es ein dicker goldener Ring mit einem eingebetteten viereckigen schwarzen Onyxstein mit abgerundeten Ecken. Es könnte sein, dass ich mich irre und dieses Bild von anderswo kommt und mit dieser Sache nichts zu tun hat. Ich war ungefähr acht Jahre alt, und das ist sehr lange her. Vielleicht hat dieser Fund mit den ermordeten Soldaten auch überhaupt nichts zu tun. Die Menschen, bei denen die Soldaten Unterkunft gefunden haben, können vielleicht mehr zu dieser Sache sagen. Hat einer von den Deutschen einen auffälligen Ring getragen? Oder das Mädchen von damals, die heute ungefähr 60 Jahre alt ist, kann vielleicht sagen, wie der Ring wirklich aussah, und ob etwas in ihm eingraviert war.

Wie ist das mit den geplünderten Gegenständen? Der „Herr“, der die Uhr trug lebt nicht mehr. Aber seine Tochter hat vielleicht dieses „Souvenir“ noch. Wenn ja, dann bleibt die Frage, ob sie bereit wäre zu kooperieren.

Die einfachste Methode wäre natürlich ein DNA-Vergleich mit den Angehörigen, die im Krieg verlorene Familienmitglieder suchen. Aber eine Exhumierung wäre unmenschlich,da diese armen Soldaten schon eine Beerdigungsodyssee hinter sich haben. Sie sollten endlich in Frieden ruhen.

Herr Bíró hat im Jahr 2005 einen Brief an die deutsche Botschaft in Budapest geschickt mit der Bitte, einen Grabstein für die ermordeten Soldaten zu stellen, statt dieses schäbigen Holzkreuzes (siehe Foto). Die russischen Soldaten im Friedhof haben ein schönes Grabmal. Ihre Angehörigen wurden nach dem Krieg ermittelt und finanziell unterstützt, um das Grab besuchen zu können.

Herr Bíró bekam von der deutschen Botschaft lange keine Antwort. Als er nachfragte, kam ein Brief, in dem der Militärattaché Erbeck mitgeteilt hat, dass er den Brief an den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge weitergeleitet hat. Nach kurzer Zeit kam eine E-Mail aus Deutschland vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge mit dem Angebot, die Toten zu exhumieren und auf den deutschen Soldatenfriedhof in Budapest umzubetten. Aus diesem Brief geht hervor, dass Herr Frank Reining von dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge von diesem Grab auch nichts wusste. Der den Brief geschrieben hat, nahm sich nicht mal die Mühe, den Namen des Ortes Bucsa, wo die Soldaten beerdigt sind, richtig zu schreiben, statt dessen hat er Busco geschrieben. Herr Bíró war verärgert über diese Gefühlskälte, und in seiner Antwort hat er dieses Angebot zurückgewiesen.

In dieser Zeit der Allerheiligen denken wir an unsere Toten. Diese Soldaten sind die namenlosen Toten dieses Dorfes. Sie haben auch in diesem Zeitraum ihren 62. Todestag. Wir dürfen sie nicht ungerecht behandeln, nur weil sie damals auf der falschen Seite standen. Das Leben so sinnlos zu verlieren, und im Leben wie auch im Tod so ungerecht behandelt zu werden, finde ich sehr grausam, und ich habe mir versprochen, etwas für diese Toten zu tun. Vielleicht ist die Hoffnung, ihre Identität festzustellen oder Angehörige noch zu finden, nach 62 Jahren eine utopische Vorstellung, aber einen Grabstein hätten sie schon verdient.

Mit Freundlichen Grüßen

Gabriella Kiss

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