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Darstellungen des Kampfes 1914-1918
 
Lexikon der Wehrmacht
 

Wehrmacht-Lexikon

2. WELTKRIEG

Kampfberichte von der Ostfront
vom 24. Juni 1941 bis 31. März 1942

von

Oberleutnant Wolf Helmut Dose
02. Oktober 1921  + 28. Mai 1943 südl. Krasnyj Bor bei Leningrad

TEIL I.

Einsatz an der Jura am 24. Juni 1941:

An einem Bach im hohen Tannenwald war der Rastraum unserer Kompanie. Herrliches Sonnenwetter ließ den nun beginnenden Krieg vergessen. Man pflegte sich, seine Sachen und die Pferde. Der Bach, der klares, kühles Wasser führte, gab einem Gelegenheit dazu. In Russenbunkern hatten wir die erste Nacht in Feindesland verbracht. Man sah den gewaltigen Unterschied zwischen unserer Heimat und diesem Ostgebieten Litauen. Man stelle Erwägungen an, wie lange der Feldzug wohl dauern würde und in welcher Form er sich uns gegenüber einmal verhalten wird. Aber schon hörte man die ersten Erfolgsnachrichten, Taurogge sei gefallen.

Aber in aller Geschäftigkeit für Mann und Pferd, in alle Gedanken hinein kam der erste Einsatzbefehl gegen die Russen. Um 19.00 Uhr sollte der Angriff sein. Nun wollte sich jeder im verstärkten Maße der Ruhe widmen. Die Gesichter spiegelten die Stimmung wieder. Manche lächelten verlegen in der Freude des ersten Einsatzbefehles. Viele zeigten aber ein ernstes, besonnenes Gesicht. Jeder hatte eben seine Gedanken und Vorstellungen. Auch hatte jeder die viel besagte Angriffsstimmung, in der der eine noch einen Brief schreibt, der andere noch einmal seine Waffen nachsieht und der dritte in Besinnlichkeit ißt und anschließend seine Zigarette raucht.

Nun sollte es losgehen! Auf der Straße trabte die Artillerie schon vorüber. „Erster Zug fertigmachen“ wurde befohlen. Jeder griff nach seinen Sachen. Oberleutnant v. Kempski gab noch einige Anweisungen. Und nachdem man aufsaß, fädelte sich unser Zug ein in das Band der Kolonnen auf der Straße. In der Aufregung des ersten Einsatzes nach einem Jahr Erholungszeit gab das Bild der Vorwärtsbewegung auf den Wegen  den Anschein eines Durcheinanders. In der glühenden Sonne, im unbarmherzigen Staube, bei dem sich einstellenden Durst hörte man die ersten Bomben detonieren. Fontänen, die plötzlich in den Himmel ragten, fielen in sich zusammen. Man erschrak, irgend ein anderer Knall beunruhigte die Landser zuzüglich. Aber in allen Vorbereitungen zum Gefecht, beim Wählen der Feuerstellung und der B–Stelle, beim studieren des Einsatzbefehls verließen die ersten Granaten krachend und heulend die Rohre der Batterie v. Couven. Nervös zuckte man unwillkürlich zusammen, saß einem der Tag von Beaumont (Belgien, 09. Juni 1940) doch noch in den Gliedern.

Nun kam der Moment für die Infanterie. Die MGs ratterten und das dritte Bataillon griff an. Das Bild war das gleiche wie bei einem Übungsangriff in Sissonne (Frankreich). Weit ausgeschwärmt liefen die Landser der untergehenden Sonne entgegen, die rotglühend dicht über dem Horizont stand und deren Licht der Moränenlandschaft ein rötliches, schönes Antlitz gab. Aus unserer Feuerstellung gingen einige Gruppen dem Feind entgegen, bis man aus rauhen Landserkehlen von vorne hörte: “Feuer vorverlegen!“ Major Schwarting aber, der unvergeßliche, unvergleichliche Mann, strahle seine gewohnte Ruhe aus. Noch verhielt der Feind sich einigermaßen ruhig. Jetzt hatte unsere Infanterie die erste Anhöhe genommen, hinter der wir die Gruppen setzten. „Stellungswechsel nach vorwärts,“ befahl Leutnant Münstermann. Und beim Vorwärtsgehen wurde die Abwehr des Gegners aktiver. Die ersten Landser bissen ins Gras. Sowjetgranaten erfüllten ihre unheilvolle Mission. Das kurze, heftige Zischen der Infanteriegeschosse vernahm man deutlich. Drüben am feindlichen Wald sah man das Mündungsfeuer von Russengeschützen. Gottlob saßen prompt die Granaten der Batterie v. Couven in jenem feuerspeienden Raum. Die Sowjets schwiegen.

Inzwischen hatte die Sonne sich gesenkt, nur einige Leuchtkugeln und der große Waldbrand, entzündet durch deutsche Granaten, erhellten die Dämmerung. Melder liefen, die Befehle zum Sammeln und Durchkämmen zu überbringen. Major Schwarting hörte selbst den Funkspruch eines Spähtrupps ab: „Gegner zieht sich auf der Straße X–Y in Trab und Galopp zurück, – kommen – . Damit war das Gefecht für uns siegreich beendet.

Unsere Gegner trugen blaue Schirmmützen, vielleicht waren es Polizeitruppen. Auch ihre Verteidigung war nicht regulären Sowjettruppen entsprechend. Einige Versprengte beunruhigten aber noch die Nacht. Am nächsten Morgen ging der Vormarsch weiter.

Gefr. Wolf Dose, im November 1941

Im nachstehenden, der Soldatenzeitung „Front“ entnommenen Bericht wurden von meinem Bruder handschriftlich Ergänzungen hinzugefügt, wie z. B. die Nummern der Regimenter und Kommentare auf den Zeitungsfotos.

Gefecht zur Öffnung der Straße Narwa–Kingissepp. (14. August bis 19. August 1941)
Kriegsberichter Dr. König in der Soldatenzeitung „Front“.

Eine deutsche Division (58. ID) hatte in Eilmärschen ostwärts des Peipussees, die von schweren und außerordentlich erfolgreichen Gefechten unterbrochen waren, den Zusammenfluß von Narwa und Pljussa, 7 km vor der Stadt Narwa erreicht. Damit hatten sie die Basis für einen Angriff gegen die Lugastellung und zur Öffnung der Straße nach Kingissepp erkämpft. Durch viele Wochen kam ihr nun die schwere Aufgabe zu, den riesigen Raum zwischen dem Ausfluß der Narwa aus dem Peipussee bis vor Narwa und die Ufer der Pljussa auf der anderen Seite bis in die Höhen von Gostizy zu halten. Die Front erfuhr später durch den Alleingang eines Regiments (IR 209), das sich durch die Moore und Sümpfe bis Kingissepp durchschlug noch eine Verlängerung von vielen Kilometern, so daß sie eine Zeit lang 100 Kilometer maß.

Keiner, der an diesen Kämpfen um die Erhaltung und Erweiterung dieser Stellung teilgenommen, wird sie vergessen.

Zwischen den beiden Flüssen breitet sich nördlich von Niso ein ödes, riesiges Moor. Die Straße, die von Gdow nach Narwa führt folgt im allgemeinen dem Flußlaufe der Pljussa, die zwischen ihren steilen, sandigen Ufern in zahlreichen Windungen nach Norden fließt. Unmittelbar vor dem Zusammenfluß der beiden Flüsse überschreitet die Straße auf einer Brücke die Pljussa. Die Brücke war von den Rotarmisten gesprengt worden. Gegenüber hatten sie –wie sich später herausstellte– ein Bunkersystem errichtet, das festungsartigen Charakter hatte. Das bewaldete Gelände nördlich dieses Brückenkopfes überhöht bedeutend das Gelände diesseits, das in unseren Händen war. Das Gelände diesseits bot außer niedrigem Strauchwerk und buschigem Wald, der am Rande der Straße  längs des Moores wuchert, keinerlei Deckung gegen Sicht. Ein Eingraben war überhaupt unmöglich. Nur am Rande des Straßendammes konnten sich die Infanteristen und Panzerjäger, die dort wochenlang aushielten, flache Löcher einkratzen. Wenige Meter neben der Straße begann das Moor, lauerte der Tod des Versinkens in dem trügerischen Gräsergewirr. Die Artilleriebeobachtung stand vor fast unlösbaren Problemen. Um so günstigere Beobachtungsmöglichkeiten hatte der Feind. Wochenlang lag diese eine (deutsche) Stellung, die unter den vielen an der langen Fronte der Division wegen ihrer Bedeutung und ihrer Ungunst besonders hervorgehoben wird, unter schweren Beschuß aller Kaliber. Schwere Küstengeschütze lösten leichte Kaliber ab, die nächste halbe Stunde brachte Rataangriffe, die Nächste regelmäßig Bombenangriffe. Vielleicht schlimmer aber als diese Feuerüberfälle und Luftangriffe war die Tag und Nacht andauernde Mückenplage. Billionen von Mücken schwirrten stets über den Lachen des Moores, und jeder Sonnentag brütete neue aus. Die Männer aber, die diesen Brückenkopf durch mehr als drei Wochen hielten, harrten aus. Die Köpfe mit Tüchern eingebunden, kauerten sie in ihren Löchern, bartstoppelig, durstend, abgemagert von den Anstrengen eines 1000–Kilometermarsches und zahlloser Waldgefechte, hielten aus bis der Sturmtag kam. Der Angriff, der die Stellung der Roten jenseits der Pljussa aufbrach und den Weg zur großen Rollbahn nach Kingissepp der Division öffnete.

Der Angriff der Division auf den Brückenkopf erfolgte am 14. August (1941). Auf schmalsten Raum mußte angegriffen werden. Der Sumpf erlaubte nach keiner Richtung hin eine Verbreiterung der Front. Die Divisionsgeschichte erzählt: „In überraschendem Angriff gelang es, die stark befestigte Stellung der Roten am anderen Ufer zu nehmen und zu durchbrechen, trotz stärkerem Artilleriebeschuß und großer Verluste.“

Hinter diesem sachlichen Worten verbirgt sich bescheiden der heldenhafte Einsatz des Regiments (IR 154). Der tiefe und breite Fluß mußte mit Floßsäcken überschritten werden, im unmittelbaren Feuerbereich der roten Bunker. Die rote Artillerie war haargenau auf den schmalen Streifen eingeschossen. Die Brücke, die die Pioniere in einem Sperrfeuer, das Weltkriegsausmaß annahm, bauten, wurden immer von neuem zerschossen. Alle schweren Waffen mußten in dem vom Gegner restlos eingesehenen Gelände in Fähren über den Fluß gebracht werden. Stunde im Stunde dauerte das schwere Ringen auf engsten Raume. Die roten Truppen, die auf der anderen Seite saßen, kämpften verbissen und stur. Die eigene Artillerie hatte aus den schon o. erwähnten Gründen, eine außerordentlich schwierige Beobachtung. Und doch gelang der Durchbruch. Am frühen Nachmittag waren die Vororte Narwas erreicht. Verstärkung aus anderen Regimentern waren nachgezogen. Die Hölle lag hinter den Männern. Sie hofften auf einige Stunden Ruhe, sie atmeten auf. Da brach plötzlich von der nur schwach gesicherten Flanke her der Gegenangriff der Roten aus den Wäldern. Das war am 14. August nachmittags. Bis zum 18. August dauerten die Angriffe der Roten auf unseren Brückenkopf, Drei Tage lang, drei mal 24 Stunden. Sie arbeiteten sich manch-mal so nahe heran, daß man deutlich ihre Gesichter erkennen konnte. Doch der Brückenkopf, in den man die herausgezogenen Regimenter Zug um Zug eingesetzt hatte, hielt. Die erschöpften Männer hatten begriffen, worum es hier ging. Sie hatten zu lange vor Narwa gelegen, um nicht in dieser Zeit die Bedeutung dieser Stadt erfaßt zu haben. Die rollenden Gegenangriffe der Roten wurden immer wieder abgeschlagen. Auch bei zahlenmäßiger Unterlegenheit, trotz der Ungunst des Geländes und des Klimas.

War das Nehmen der Stellung eine schweres Stück Soldatenarbeit gewesen, das Halten wurde noch schwerer. Wurde eigentlich um das erbärmliche Stück Sumpfwiese und Wald gerungen? Nein, nicht um diesen durchbluteten Streifen ging es. Sondern um den Durchbruch zur Straße von Narwa nach Kingissepp. Am 18. August war das Ziel erreicht. Die Division konnte den Einheiten, die von Estland her den Westteil Narwas genommen hatten und einen Brückenkopf am Ostufer des Stromes unterhalb Iwangorod gebildet hatten, die eine Kriegsbrücke gebaut und begonnen hatten, den Strom zu überschreiten, die Hände reichen. Sie machte nun, da sie ja jetzt die Rückenfreiheit besaß, rechtsum und verfolgten die auf der Straße von Narwa nach Kingissepp zurückgehenden Roten, die Reste der zerschmetterten Division.

Während dieser Tage hatte ein Regiment (IR 154) im Alleingang den Weg nach Kingissepp erzwungen. Zur Flankensicherung ostwärts der Division eingesetzt, völlig auf sich selbst gestellt in den riesigen Mooren, die fast weglos zwischen Lugo und Piota sich dehnen, hatte es seinen Alleingang hart und zielsicher begonnen. Kingissepp war gegen Süden durch einen mehrfachen Bunkerring, mit schweren Betonbunkern geschützt, zwischen denen sich dicke Minenfelder tückisch verbargen. Beide Flanken des Regiments, das seinen ganzen Troß mit durch diese Ödlande führen mußte, waren die ganze Zeit bedroht. Dennoch gelang das Unternehmen. An die 200 Bunker wurden von diesem Regiment an diesen entscheidenden Kampftagen „aufgeknackt“, ungezählte Minen ausgegraben und aufgelesen. Der Westteil Kingissepp wurde genommen und das Regiment trat nun gegen Westen von Kingissepp nach Narwa an. Die Roten, die die Stellungen bei Dubrovka hielten, waren von der Division in die Zange genommen.

Die Rollbahn nach Leningrad beginnt hinter Iwangorod, der einst mächtigsten slavischen Ringburg des Ostens. Schnurgerade läuft sie nach Osten, an den sauberen Einzelhöfen der Esten vorbei, die, damals verlassen und von den zurückflutenden Roten geplündert, traurig dalagen. Manches Gehöft war sinnloser Brandlust und einem wilden Zerstörungsrausch zum Opfer gefallen, erschossenes Vieh lag auf den Koppeln, die Bewohner waren in die Moore geflohen. An der estnisch–sowjetischen Grenze stand ein riesiger hölzerner Wachturm. Das bekannte Grenzzeichen, das überall an den Grenzen der Sowjetunion, von den angrenzenden Staaten und der Union errichtet worden waren. Diese Türme hatten einmal als MG–Wachtürme ihre Aufgaben in der an provozierten Grenzüberfällen so reichen Geschichte der Sowjetgrenzen. Aber wenn er nicht dort gestanden hätte, hätten die anrückenden Deutschen erkannt, daß sie wieder das Gebiet der alten Sowjetunion erreicht hatten. Die Verlotterung und das Elend beginnen weniger Meter hinter der Grenze. Die Armut der ausgeplünderten Bevölkerung und das Ergebnis ihrer Fronarbeit, zu der sie ein wahnsinniges System zwang: die schweren Bunker. Sie hatte die Division aufzubrechen. Eines der bewährten Regimenter wurden eingesetzt und ihm zur Unterstützung schwere Flak zugeteilt.

Die Stoßtrupps kamen in dem völlig verfilzten Unterholz des Waldes  nur schlecht vor. Sie und die Kompanien, die in den Straßengräben lagen und die Bedienung der Flak, die frei auf der Straße stehen mußte, hatten ständig schwer unter dem Granatwerferfeuer der Roten zu leiden. Aber immer wieder sprangen die Männer der Flak an ihr Geschütz. Ohne das Feuer, das ihnen manchmal von allen Seiten entgegen schlug, zu achten, richteten sie ihr Geschütz auf die Schießscharten ein und erledigten einen Bunker nach dem anderen.

Am 19. August war die schwere Kampfphase, die Öffnung der Straße von Narwa nach Kingissepp abgeschlossen. Die Stellung bei Dubrovka war durchstoßen, die Roten links und rechts der Rollbahn im Zurückfluten. Zu hunderten lagen ihre Leichen an den Straßen und in den Wäldern. 

Kingissepp ( 20. August bis 25. August 1941)
Kriegsberichter Dr. König in der Soldatenzeitung „Front“.

Anmerkung: Der Kriegsberichter Dr. König berichtet in dem nachfolgenden Bericht über dieselben Kampfhandlungen, wie mein Bruder in dem danach folgenden Bericht.

Am 20. August als sich die Division, die die Straße bei Dubrovka geöffnet hatte, Kingissepp näherte, war das Regiment der Infanterie–Division, die Kingissepp vom Osten kommend genommen hatten, heftig von Norden angegriffen worden. Der Feind, der in den Wäldern im Norden saß, die unmittelbar bis an die ersten Häuser des Ortes heranreichen, versuchte mit starker Artillerieunterstützung bei Kingissepp durchzubrechen. Die Angriffe der Sowjets waren groß angelegt und hartnäckig und wurden von an Zahl den unsrigen stark überlegenen Einheiten vorgetragen. Kingissepp lag unter starkem Artilleriefeuer. Der Kommandeur der Division, die vom Westen kam, setzte sich an die Spitze eines Regiments und drang über die Kriegsbrücke des Regiments, das Kingissepp hielt, in den Ort ein. Das feindliche Regiment hatte sich im Laufe des 20. August bis auf den eigentlichen Ort zurückgezogen. Zähe hielt es sich gegen die immer wieder anbrandenden Angriffe der Sowjets. Der Regimentsgefechtsstand des Obersten lag in den vordersten Linien. Dorthin drang der General sofort vor und nahm die Verbindung mit dem Regiment auf. Nach einer Lagebesprechnung wurden die Regimenter der Division sofort eingesetzt. An weitere Vorstöße war zur Zeit nicht zu denken. Kingissepp mußte zunächst gehalten werden. Von dem Besitz des Großdorfes mitten in den Wäldern, die es von den Seiten umschließt, hing gewaltig viel ab. Starke motorisierte Kräfte und die Infanterie–Division, die Kingissepp genommen hatte, waren weiter nach Osten gezogen. Ein Durchbruch der Sowjets bei Kingissepp hätte die Einschließung der Kampfgruppe bedeutet. Sie mußte unter allen Umständen verhindert werden.

Alle Regimenter wurden zunächst zu einem Igel zusammengezogen.

An diesem und dem nächsten Tage zerschellte an diesem Igel die Angriffe der Bolschewisten. Sie wurden unter blutigen Verlusten abgewiesen.

Das erste Kampfziel des nächsten Tages war die Befreiung von Teilen der am weitesten nach Osten stehenden Division, die in den Kasernenanlagen ostwärts Kingissepp eingeschlossen worden waren. Das Regiment, das den Ort verteidigt und gehalten hatte, hatte bereits selbst Entsatz versucht. Seine Kräfte hatten aber nicht ausgereicht, die Eingeschlossenen zu befreien. Mitten im Walde ostwärts Kingissepp an der Rollbahn liegt ein großer Gebäudekomplex. Fremd und kalt liegen die steinernen Blöcke der Gebäude hinter den Stacheldrahzäunen. In dem Komplex hatte sich ein Teil des Trosses der Infanterie–Division, die nach Osten weitergezogen war, zur Nacht niedergelassen. Der Krieg im Osten hat den Inhalt vieler Begriffe gewandelt. Auch den Inhalt des Wortes „Front“. Die Infanterie–Division, die sich unter stärkster Flankenbedrohung auf den wenigen Straßen durch die Wälder durchbissen, mußten jederzeit Angriffe auf ihre hintere Verbindung erwarten. Mehr als einmal mußte in diesem Feldzuge der Troß zu den Waffen greifen. Häufig genug entging er nur dank des energischen Widerstandes, den er leistete, der Vernichtung. Der Troß, der in den Kasernen lag, hatte nur schwache Verbindung zu dem Regiment seiner Division, die Kingissepp hielt und der Infanterie–Division, die inzwischen weitergezogen war. Als die Sowjets diese dünne Verbindung zerrissen hatten, war der Troß auf sich selbst gestellt. Er kämpfte Tage hindurch einen zähen, erbitterten Kampf. Er konnte nicht bestehen, die Übermacht erdrückte ihn, nur einem Teil gelang es, sich zu behaupten.

Der 20. August brachte die große Krise. Von allen Seiten wurde die Stellung angegriffen. Die Angriffe erreichten eine bisher nicht gekannte Wucht. Alle wurden abgewehrt. Mit blutigen Köpfen mußten sie Sowjets zurückweichen. Selbst die starke Panzerunterstützung, mit der sie ihre Angriffe vortrugen, hatte ihnen wenig genutzt. Um 3.00 Uhr nachmittags wurde zum Gegenangriff angetreten, der die Sowjets weit zurückwarf.

Die Angriffe auf Kingissepp ebbten langsam ab. So wie es die Lage erlaubte, trat die Infanterie–Division, die diesen Ort gehalten hatte, wieder an, um in Richtung Tikopis vorzustoßen. Am 23. August tritt ein Regiment von Tikopis auf Grafskaja Gora an. In Alexiewka wird stärkerer Feind festgestellt. Die Lage des Regiments ist ungünstig und noch am Abend muß das Regiment gegen den überlegenen Gegner antreten. Überraschend gelingt das Unternehmen. Noch vor Einbruch der Dunkelheit ist das Regiment in Alexiewka. Aber schon in den ersten Abendstunden greifen die Sowjets mit erdrückender Übermacht an. Die Kolosse überschwerer Panzer rollen an, durchbrechen immer wieder unsere Linie. Es kommt zu verzweifelten Nahkämpfen, um jede Hausecke, um jeden Quadratmeter wird mit Handgranaten und Bajonett gerungen. Durch die ganze Nacht dauern die Kämpfe zwischen den brennenden Häusern der Orte. Gegen die überschweren Panzer stehen aber dem Regiment zur Zeit keine geeigneten Waffen zur Verfügung. Das Regiment erkennt, daß es den Ort nicht halten kann. Der größte Teil des Ortes muß in den Morgenstunden geräumt werden. Der Südwestteil wird gehalten. Noch immer ist das Regiment allein auf sich gestellt, noch am 23. August ist kein Regiment der Division frei, um das Regiment, das nun schon 48 Stunden gegen einen überlegenen Gegner und eine erdrückende Übermacht sich wehrt, zu entlasten. Endlich, am 24. August, kann das Regiment entsetzt werden, das sich in Alexiewka, buchstäblich festgekrallt, gehalten hatte.

Aus dieser Stellung heraus tritt es mit den anderen Regimentern am 24. August wieder zum Angriff an nach Norden in Richtung Mally. Der Soltaabschnitt wird angegriffen. Die Ausgangsstellung, aus der die Regimenter stürmen, ist denkbar ungünstig. Nur ein Teil Alexiewkas ist in unserer Hand, die Linie fällt von dem Ort stark nach Süden ab. Von allen Seiten drücken die Sowjets, die vor allem den Ort zäh verteidigen. Es muß erst der Wald westlich gestürmt werden, um die bedrohte Flanke zu entlasten. Der Widerstand ist hart, das Regiment bricht ihn, überrennt dann Alexiewka, erreicht den Soltaabschnitt und dringt darüber hinaus bis Kerstowo vor. Wiederum müssen zahlreiche Bunker geknackt werden. Die Sowjets sind artilleristisch  außerordentlich stark. Sie haben verschiedene Schiffseinheiten und schwere Küstenbatterien eingesetzt, die genau eingeschossen sind. Den ganzen Tag dauern die Luftangriffe der Ratas und Bomber an.

Das Ziel ist erreicht. Der Brückenkopf am Soltaabschnitt ist gebildet. Der linke Flügel stößt im Walde sogleich noch weiter vor bis Kinkeritzi und sichert sich dort igelartig. Er liegt mitten zwischen den Sowjets, die überall im Unterholz in Erdstellungen liegen und sich zäh verteidigen.

Nur wer das Gelände kennt, kann sich einen Begriff von den Leistungen der Männer machen, die sich buchstäblich von Kilometer zu Kilometer, durch Moor, Urwald, Bunkerstellungen, verzweifelt verteidigte Sowjet–Dörfer und wütend vorgetragenen Gegenangriffen der Bolschewisten bis hierher durchbissen. Nicht um hier rasten zu können. Schon am nächsten Tage sind sie wiederum im Angriff.

Von Kingissepp bis Kikeritzi (23. – 25. August 1941)

Kingissepp liegt hinter uns. Die Rollbahn von Kingissepp nach Nordosten ist dem Feuer feindlicher Artillerie und Fliegern ausgesetzt. Noch sind uns die Bilder Kingissepps in Erinnerung. Nun, da wir an der Rollbahn unseren Rastplatz haben und noch die Einschläge feindlicher Granaten und Bomben um uns hören, dringt zu uns die Kunde, Alterbaum sei gefallen. Ja, groß war die Lücke schon in unseren Reihen. Hatte der Pljussa–Übergang doch unsere Gesichter ernst gemacht. Und Kingissepp, der Galopp auf der Straße von Narwa nach Kingissepp und jetzt hier an der Straße haben auch nicht dazu beigetragen, unsere Stimmung froh und goldig zu machen. Sicher gibt es einige, die den Humor und die gute Laune nicht verlieren, aber man ist matschig, wie wir zu sagen belieben.

Am Sonnabend, dem 23. August, kommt der Befehl zu jenem Sonntag, der in unser aller Gedächtnis bleiben wird, ebenso wie der Sonntag von Beaumont (Belgien). Man nimmt den Befehl mit einer gewissen Gleichgültigkeit zur Kenntnis, meint, der Angriff kann so schlimm nicht werden. Die Gefechte am Peipussee, an der Narwa, der Nordigel und nicht zuletzt Kingissepp haben einen bereits bis zu einem bestimmten Grade abgebrüht.

Widerlich ist der Anmarsch zu unserer Bereitschaftsstellung. Alles drängt sich auf der Straße und den Wegen. Damit ist das uns so unangenehme Dichtbeisammensein da. Und als bei aufgehender Sonne in unserem Bereitschaftsraum angelangt sind, hämmert bereits die Artillerie auf die Sowjets ihr ruhiges, unregelmäßiges, zweistündiges Lied. Eben sind die zwei Stunden vorbei, als man das Brummen der JU 88 hört, die ihre Bombenschächte und Bordwaffen in 15 Minuten am Himmel kreisend entleeren. Mit viel Freude beobachten die Landser das Fallen der Bomben aus den Flugzeugen.

Wieder ist die Phase für die Infanterie gekommen. Durch dichtes Buschwerk hindurch, das für unsere Geschütze nicht gerade eine Rollbahn bedeutet, stehen wir vor einem Panzergraben vor Alexiejewka. Heckenschützen und das besagte Buschwerk lassen unser IG nicht zum Schuß kommen, aber man hat ja noch die MP und den Karabiner. Ein Sowjetpanzer am Ortseingang brennt. Unsere Sturmgeschütze, unserem Regiment erstmalig unterstellt, leisten ganze Arbeit. Schnell sind wir durch Alexiejewka hindurch. Sowjetische Flakgranaten detonieren am Nordausgang dieses Dorfes. Der Ort bietet dem Landser gewohnte Bilder: Tote Russen, brennende Häuser, Granat– und Bombentrichter, elende Baracken als Villen und Gehöfte für die Paradiesvögel in der Sowjetunion. Einige Verwundete kommen zurück und hier und da muß einem auch ein Holzkreuz gezimmert werden.

Unsere Artillerie nimmt jetzt schon Sapolje unter Feuer. Hinter den Russen her aber setzen bereits Landser und Sturmgeschütze. Unsere Infanteriegeschütze ziehen wir aus einer Feuerstellung in die andere. Wir können kaum folgen. Das Tempo ist auch schnell. Zügig dringen wir durch Sapolje, deren Katen und Hütten genauso brennen wie im vorher genommenen Dorf.

Und weiter geht der Angriff. Der Bahndamm vor Malli muß überschritten werden. Aber ehe in unsere Feuerstellung bei Sapolje ein Feuerkommando kommt, um den Gegner bei Malli zu beschießen, ist der Bahndamm überquert. Wir kommen mit den Geschützen nach und müssen  in Malli die Solka überqueren, einen Bach, dessen Brücke von den Sowjets gesprengt ist. Im Mannschaftszug mit den Geschützen und Russenprotzen durch den knietiefen Matsch im Bach. Steine der gesprengten Brücke hindern auch noch. Und bei allem sitzen die Sowjets noch links der Straße, ihre Waffen auf uns gerichtet. Pak geht dagegen ist Stellung. An Nordausgang von Malli brennt ein Sowjetpanzer. Die verkohlte Leiche eines Rotarmisten hockt hinter dem Durchschußloch einer Sturmgeschützgranate. Auf einem großen Kornfeld aber schießen unsere Sturmgeschütze hinter den laufenden Russen her, die nach Norden fliehen.

Unter großen Eichen an einem Hof sammeln sich die Landser mit ihrem Gesicht nach Kerstowo gerichtet. Keiner ahnt, daß dieser Platz unter den rauschenden Eichen hier an der Straße einmal ein Friedhof werden soll, auf dem unser von uns allen geliebter Vorgesetzter, Leutnant Klein, ruhen wird. Keiner denkt beim Anblick jener steingemauerten Zwiebelturmkirche von Kerstowo, daß man später einmal ein großes Birkenkreuz sehen wird, das die schlichten Worte trägt: Sie fielen für Großdeutschland! Und um dieses große Kreuz sollen viele kleine stehen, umrandet von einem Gitter weißer Birkenstämme. Niemand weiß, daß in der Mitte dieser Weihestätte ein Kreuz mahnen wird: Major Schwarting! Aber noch scheint die Sonne denen, die einmal hier ruhen müssen, und die jetzt Atem suchen, um gleich wieder antreten zu können.

Die Sturmgeschütze kommen wieder und nun wird Kerstowo genommen. Kein Schuß fällt. Unsere IGs folgen den vordersten Landsern. Vorbei geht an der Kirche, die auch dem einen oder anderen nicht in Vergessenheit geraten wird, vorbei an einer weißen Schule, an Häusern und Höfen dem Ortsausgang entgegen. In froher Stimmung sieht man Landser mit Hühnern am Koppel hängen. Manch Infanterist trägt außer seinem MG noch einen Zweig von Johannisbeeren und pflückt die labende Kost in seinen Mund, während er vorwärts stürmt.

Am Nordausgang von Kerstowo schießen wir aus offener Feuerstellung in den Wald, der links der Straße liegt und aus dem Infanteriegeschosse zu uns herüberpfeiffen. Selbst unser schwerer Zug schießt mit einem Geschütz von dort auf den Waldrand des Feindes. Die Sturmgeschütze feuern in besinnlichem Tempo in die Linie der Sowjets, dem nun einsetzenden Feuer überschwerer Granatwerfer von Zeit zu Zeit ausweichend.

In den Angriff gerät ein Stocken. Vier Dörfer sind nun schon in unserer Hand. Jeder Meter Boden muß erkämpft werden. Rechts und links, die Flügel unserer Division, IR 209 und 220, halten nicht das Tempo. Wir müssen verhalten. So will man aus der massierten Angriffsform die gestaffelte Verteidigung bilden. Und beim Durchführen dieses Planes setzt das Feuer der überschweren Granatwerfer auf die Landser in Kerstowo ein. Unser IG-Zug befindet sich gerade an der weißen Schule, als das kurze Sausen mit dem anschließenden mörderischen Bersten beginnt. Hier und da, überall ein Einschlag, dort wieder, schon hört man den durch alle Glieder gehende Schrei nach Sanitäter. Unbarmherzig wüten die Wurfgranaten weiter in den Reihen der Soldaten. KRIEG!

Draußen liegt ein Soldat. Sein Gehirn hängt aus dem Hinterkopf. Mit großen, klaren Augen blickt er uns an. Ein Sanitäter tritt zu ihm. Er soll verbunden werden. Aber er wehrt ab. Klar und laut sagt er: „Ich weiß doch, daß ich sterbe“. Der Sanitäter will einen Einwand erheben. „Ich weiß doch, daß ich sterbe“ hört der Sanitäter abermals. Und im Straßengraben hockt ein Landser. Ein Sanitäter verbindet ihn. Diesem Verwundeten riß ein Splitter den Unterkiefer fort. Grauenhaft ist der Gaumen mit dem Oberkiefer anzusehen. Stumm erträgt der Landser die Qualen. Schon strömen die Leichtverwundeten der besagten Zwiebelturmkirche zu. Auf der Straße humpelt Sieverding. Ihn traf ein Splitter am Bein. Am Wege steht weinend ein Obergefreiter, man sieht genauer hin; es ist Bick. Stumm weißt er in eine Scheune. Wir treten ein. Die Tränen kommen jetzt auch uns. Erschütternd ist das sich uns bietende Bild. Leutnant Klein ist tot. Mit ausgebreiteten Armen liegt er auf dem Rücken am Boden. Seine Brille sitzt auf der Stirn. Die großen, klaren Augen blicken gebrochen ins Leere. Hellrot ist das Blut, das ihm aus dem Schädel rinnt. Über ihn sind die Schindeln hinweggefegt. Eine Granate krepierte dort, soviel Unheil spendend. An der Tür der Scheune liegt ein Toter: Wilhelm Schröder. Zusammengekauert, vor den Granaten der Sowjets Schutz suchend, hat es ihn erwischt. Feldwebel Geissler, Unteroffizier Leimbach und noch viele andere sammeln sich in der Kirche, die wir vor einigen Stunden frohgelaunt passierten.

Wir suchen die Reste der Leute zusammen, nehmen die Geschütze und strömen rückwärts in unsere Feuerstellung dicht bei der Kirche. Die Gesichter zeigen den Ausdruck des Ernstes. Bei der Schule aber sieht man wieder Einschläge der Wurfgranaten. Das Schicksal bestimmt die Toten, die in Malli unter den Eichen ruhen sollen.

Gegen Abend ist der Befehl zu erneutem Angriff da. Noch vor Anbruch der Dunkelheit tritt die Infanterie an, Die Sturmgeschütze schießen, MGs hämmern, und unser schwerer Zug hält eifrig auf den Waldrand, der rechts der Straße liegt. Bis auf 100 m kommen die Infanteristen an den Wald. Nur die bekannten Granatwerfer streuen im Feld umher. Aber da setzt die Abwehr der russischen Infanterie ein. Laut und vernehmbar hört man in der nun eingetretenen Dämmerung die in der Lautstärke auf– und abschwellenden Maschinengewehre, deren Mündungsfeuer teilweise in den Bäumen des Waldes zu erkennen sind. Schwere Maschinengewehre jagen einige Gurte in die Richtung auf die Bäume, aber der Wald bleibt in russischer Hand. Die Landser, deren Angriffsstimmung durch die Tage des Kampfes auch nicht mehr die beste ist, bleiben im Straßengraben liegen. Plötzlich sieht man die vier violetten Streifen am nächtlichen Himmel, die Panzerwarnung bedeuten. Pak geht in Stellung. Und mitten in der Nacht kommt der Befehl zum Zurückziehen auf Kerstowo. Alles strömt auf der Straße in das Dorf. Die Sturmgeschütze nehmen den Wald unter Feuer und decken so den Rückzug. Und während wir mit kaputten Füßen, mit verstaubten Gesichtern, uns gegenseitig helfend zurückfluten, da vernimmt man das Brummen von Feindflugzeugen. Schon sieht man die Fäden ihrer Leuchtspurmunition auf Kerstowo wandern. Die Straße erhält einige Treffer ihrer Bordwaffen. In den Landserhaufen, der müde durch die Strapazen des Sonntags nach Süden tastet, kommt Bewegung. Die Ratas lassen die Krieger laufen, einige gehen gleichgültig weiter.

Jetzt kommen wir auch hinter des Rätsels Lösung, weshalb unser Zug mit den Geschützen nicht nachkam. Beim Folgen lief der Zug direkt in das Feuer sowjetischer Maschinengewehre. So waren deshalb Feldwebel Eberhardt und Unteroffizier Baumrich, die dem Zug voran gingen, jetzt schon in jener Zwiebelturmkirche von Kerstowo.

Die Nacht dient zur Neuaufstellung der Züge. Die letzen Leute des II. Zuges werden auf die übrigen verteilt. Leutnant Alsen übernimmt den I. Zug. Hesing und Brand–Sassen kommen zu uns. Den Rest der Nacht verbringen wir tiefschlafend in den mühsam gegrabenen Erdlöcher. Etwas Wodka beruhigt schnell die Nerven.

Und als die Sonne des 25sten August über den Horizont blickt, da ist schon der Befehl da, auf den man wartete: Angriff! Mit einer Selbstverständlichkeit nimmt man ihn zur Kenntnis. Die Artillerie setzt schon ihre Gruppen auf den Wald, der gestern Abend noch in russischer Hand war. Flieger erscheinen wieder, wie schon gestern. Wie immer nach Angriffsvorbereitungen geht jetzt die Infanterie vor. Aber der Wald rechts der Straße ist nun frei von Russen. Jetzt sitzen die Bolschewisten an der Straße und links davon im Wald und in den Kornfeldern. Die Artillerie setzt Abpraller über die Kornfelder, aber die Russen geben nicht nach, sie sind heute besonders zäh. An der Straße schießen selbst noch Russen, als deutsche Soldaten schon vorbei gestürmt sind. Es sind Marinesoldaten. Nur einige werden gefangen genommen, die Landser sind zu vergrellt.

Im direkten Beschuß schießen wir von der Straße mit unseren Geschützen nach links, wo man Russen laufen sieht, während vor uns Kikeritzi brennt.

Mit den Sturmgeschützen und der Infanterie kommen auch wir in das Flammenmeer von Kikeritzi. Kaum sind wir durch dieses Dorf, als der Ruf von Landser zu Landser ertönt: „Pak nach vorne“. Auf Fahrrädern eilen Melder. Eine Aufregung durchgeht die Soldaten. Aber ehe noch die Pak einen Sowjetpanzer erledigt hat, arbeitet die Bedienung eines Sturmgeschützes mit Präzision. Ein Sowjetpanzer erhält nach dem anderen seine todbringende Granate, jedesmal rückt das Sturmgeschütz in die Richtung des nächsten Panzers vor. Die Landser werden wieder ruhig. Sie haben doch ihre Sturmgeschütze, was brauchen sie Pak? 15 Sowjetpanzer brennen.

Der Angriff aber geht weiter, über einen Panzergraben hinweg in den nächsten Tag hinein.

Gefreiter Wolf Dose, im November 1941

Koporje. (Der Weg von Höhe 92,6 bis Koporje.) Vom 29. August bis 02. September 1941

In freudiger Stimmung verlassen wir die Höhe 92,6 bei Kotly. Die 95. Division hat uns abgelöst. Endlich ist die langersehnte Ablösung da, auf die wir schon seit Narwa warten. Nun gibt es nur noch eins: Schnell heraus aus dem Schlamassel. Und welche Vorstellungen machen wir uns: Endlich einmal Ruhe, sich ordentlich waschen können, seine Sachen auf Schwung bringen. Sicherlich, das würde einem gut tun nach den Tagen des Kampfes.

An der Straßenkreuzung Kotly – Mally – Koporje – Westen sammelt sich die Kompanie. Man bestaunt den vom III. Zug vernichteten Russenpanzer, der viele Einschläge von Pak, I.G. und Panzerbüchsen zeigt. Oberleutnant von Kempski führt die Kompanie an Artilleriestellung vorbei in einen Rastraum. Gerade will man sich häuslich einrichten, man ist ja hinten, als ein neuer Einsatzbefehl da ist. Zerschlagen sind alle Hoffnungen, die nicht einmal zwei Stunden bestanden.

Es gilt einen Brückenkopf zu sichern. Des öfteren haben die Russen hier schon angegriffen, heute am 29. August. Aber ihre Explosivgeschosse und Granatwerfer können die Landser nicht erschüttern. Ein deutsches Flakgeschütz hat einen Volltreffer erhalten, es steht direkt auf der Straße. Mit unseren Infanterie–Geschützen legen wir ein Störungsfeuer in diesen Dschungel. Beobachtet kann man nicht schießen.

Das Wetter ist seit Höhe 92,6 recht unfreundlich. Regen hat unsere Kleider und Zeltplanen durch-näßt. Und nachts ist es kühl. Nie ist es uns recht. Entweder brennt die Sonne vom Himmel aber der Regen macht’s ungemütlich. Aber das nasse, kalte Wetter ist wesentlich unangenehmer als der staubige, heiße Sonnenschein.

Der Abend sieht uns auf der Straße, die nach Koporje führt, einem Dorf, das wir in der Nacht erreichen. Die Landser schlafen in den Häusern, die von den Zivilisten geräumt sind. Und zwischen den Johannisbeerbüschen und den Gurkenbeeten wählen die Landser, ob sie lieber schwarze oder rote Johannisbeeren essen sollen. Allein der Regen hält die Krieger nicht zurück, sich den Magen mit roter Grütze zu füllen. Und als der Regen etwas nachläßt ziehen wir weiter. IR 220 liegt vorne. Aber sowjetische Artillerie deckt auch die rückwärtigen deutschen Linien ein. Verwundete kommen zurück, alle haben ihren Verwundetenschein am Rock oder Hals. Tote deutsche Soldaten, Granattrichter, sowjetische Gefangene und das Grollen der Geschütze vor uns, neben uns, lassen die dicke Luft erkennen.

Das Bataillon zieht weit auseinander gezogen im Straßengraben vorwärts. Unsere Geschütze folgen hinter ihm. Granatwerferkarren schieben sich hier und dort ein. Links will Artillerie in Stellung gehen. Aber da hört man Abschüsse. Jetzt ist eine leichte Feldhaubitze gerade in Feuerstellung gefahren. Die Fahrer sitzen noch auf. Da ducken sich die Soldaten auf den Pferden, und man sieht den Einschlag einer schweren Sowjetgranate direkt in der Feuerstellung. Qualm des Geschosses verhüllt das nun entstandene Bild.

Rechts der Straße liegen jetzt auch Einschläge. Überall zieht Rauch fort. Bei jedem Bersten einer Granate liegen die Krieger flach. Aber immer wieder hört man das Heranpfeiffen weiterer Granaten. Die Landser beginnen zu laufen, sie wollen durch das Feuer durch in das nächste Dorf. Russische Ratsch–Bumm–Geschütze lassen hier und da ihre Granaten krepieren, deren Kommen man nicht hört. Und durch die Fontänen der Granaten, durch die vom Himmel fallenden Brandgeschosse hindurch laufen die Infanteristen. Wie auf ein Kommando legen sie sich hin, wenn wieder die Luft erzittert durch die Tätigkeit eines feindlichen Geschützes. Wieder ein Einschlag. Die Erde bebt. Rechts von uns steht die Säule von Dreck und Qualm einer Granate, zweihundert Meter entfernt. Ein Schrei, wir eilen zu dem Verwundeten, es ist Unteroffizier Kässler. Aber er rafft sich auf und läuft weiter bis wir zwischen Häusern und unter B–Wagen der Sturmgeschütze Deckung suchen. Müllerstedt, unser alter Sanitätsmann, hat viel Arbeit gefunden. Zwischen Pferden, denen die Därme aus den Bäuchen hängen, verbindet er. Das Blut einiger Pferde, vermengt mit dem Regenwasser, breitet sich über einen Weg des Dorfes. Unerbittlich rollen aber die schweren Koffer der Sowjets in diesen Ort. Man sieht Gefallene liegen.

Und weiter ziehen wir. Die linke Flügelsicherung ist unser Auftrag. Wir stellen unsere Geschütze hin, sichernd an einer Dorfstraße und gehen in Deckung. Aber die kampfgewohnten Landser ruhen nicht. Während ein Protzkraftwagen der 14. Kompanie brennt, dessen Munition krachend auseinander geht, suchen die Landser nach Hühnern und sonstigen Beutesachen. Einige haben Bienenkörbe entdeckt. Ein Oberfeldwebel schleppt mit einem quiekenden Ferkel umher und verlangt ein Messer. Andere schnüffeln nach vergrabenen Schätzen, die die Zivilisten retten wollten. Schon lodern ein paar Feuer, die Landser wollen schmausen, als der Russe seine Geschütze wieder Sprechen läßt. Erst einige Verluste müssen zeigen, daß das Hühnerbraten mit Blut bezahlt werden muß.

Unser Zug hat keinen Unteroffizier mehr, deshalb kommt Unteroffizier Kleinecke vom schweren Zug zu uns, um den Stellungs–Unteroffiziersposten zu übernehmen. Unsere Fahrer bringen uns Verpflegung, es gibt Bonbons und Keks, da freuen wir uns.

Und wieder geht es weiter, weiter Koporje entgegen. Vor uns erstreckt sich ein Tal; Bäume, Buschwerk, Gartenland und eine brennende Mühle liegen in ihm. Von rechts nach links schlängelt sich ein Bach durch die Senkung, dessen Wasser einmal die Mühle speiste. Die Brücke der Straße über den Bach ist gesprengt. Das Bataillon, dem wir unterstellt sind, soll diesen Brückenkopf sichern. An der Mühle, dessen Fundament noch steht, gehen wir in Stellung. Wie schon so oft, in diesem Gelände können wir uns nur auf Störungsfeuer einrichten. Wer will auch in diesem Gestrüpp von Baum– und Buschwerk beobachtet schießen können? Kaum stehen unsere Spritzen, als einige schon Kartoffeln aus der Erde kriegen. Neuhoff, unser Dauerorganisator, macht einen Spähtrupp und kommt mit einem Schinken zurück. Auf Grund seiner Kochkenntnisse und seiner aufopfernden Zähigkeit bekommen wir am Abend Pellkartoffeln mit gebratenem Schinken. Gerade das tut einem gut. Kommt das Essen unserer Feldküche  doch immer recht unregelmäßig, oft bleibt es auch ganz aus und manchmal ist es nicht so reichlich, wie man es gern hätte. Dann aber springt Neuhoff ein, immer hat er etwas zu knabbern oder zu braten.

Gegen Abend schießt der Russe wieder. Seine Granaten sitzen genau an der Brücke, und während wir uns das Essen gut schmecken lassen, hören wir, Leutnant Alsen und Brand–Sassen seien verwundet. Nur kurze Zeit waren sie bei uns im I. Zug.

An nächsten Morgen führt uns unser neuer, alter Zugführer, Leutnant Münstermann, in den neuen Angriff hinein. Wir müssen an einer Höhe vorbei, die von den Sowjets unter Feuer genommen wird. Es gilt mehrere Dörfer zwischen der Rollbahn und der Bahnlinie zu nehmen. Aber hier haben wir Glück. Der Gegner bietet keinen nennenswerten Widerstand. Unsere Geschütze ziehen wir wieder aus einer Feuerstellung in die andere, immer bereit, auftretenden Feind sofort zu bekämpfen. Aber wir brauchen nicht zu schießen, unsere Infanterie kommt gut und ohne Verluste voran.

Eine große Schlucht mit einem Bach macht uns noch zu schaffen. Dann kommt noch ein Panzergraben, den wir überqueren müssen. Im Dorf sucht alles gleich wieder nach Johannisbeeren, Gur-ken und Hühnern. In einem geheizten Haus verbringen wir ruhig die Nacht.

Der nächste Tag bringt wieder den Befehl zum Angriff. In ruhigem, besinnlichen Tempo dringen wir von Dorf zu Dorf. Einige Ratsch–Bumm–Granaten verirren sich im Gelände. So kommen wir bis dicht vor Koporje, wo wir uns in einem Dorf häuslich einnisten.

Und während die meisten für ihr leibliches Wohl sorgen, beobachten die Posten den Feind. Nördlich von uns sieht man den finnischen Meerbusen, auf dessen Wasser brennende Schiffe schwim-men. Von dieser Höhe haben wir einen herrlichen Überblick über das tiefer liegende Land bis zur Küste. Man sieht einen Angriff deutscher Flieger auf die Küstenstraße. Viel Rauch und Qualm bestätigen, daß die Bomben keine Blindgänger waren. Zu unseren Füßen sieht man die Linie der Bahn. Sie fährt durch die großen Nadelwälder und einige Lichtungen von Kotly über Kransnaja Gorka und Peterhof nach Leningrad. Plötzlich werden die Posten aufmerksam. Hinter dem Bahndamm ziehen sich Russen zurück in Richtung Leningrad. Das ist für uns ein gefundenes Fressen. Fast alle Munition muß dran glauben, den bataillonsstarken Sowjethaufen anzusprechen. Einige schwere Maschinengewehre stimmen mit ein in unsere Kriegsmusika. Die Russen kommen durcheinander, leider verhüllt der Rauch unserer Granaten die genaue Beobachtung. Aber das macht unseren IG–Leuten einmal richtig Spaß. Die Verschlüsse klappten immer nur. Leise schlitterten unsere Granaten zum Bahndamm, Wirkung erzielend.

Der späte Nachmittag dient ganz der Magen – und Körperpflege. Ein „preußischer Offizier“ (Ltn. Münstermann) gräbt bei Regen, den Stahlhelm auf dem Kopf, nach Kartoffeln, während andere die Hühner bereiten. Aber auch die Nacht, nach guter Hühnersuppe, verläuft wie im tiefen Frieden.

Jedoch der 2. September meldet sich unfreundlich an. Russische Ratsch–Bumm Batterien schießen Schrapnells und gewöhnlich Granaten. Man zieht es deshalb vor, die Häuser nicht zu verlassen! So unangenehm der Morgen aber ist, so behaglicher ist der Vormittag. Unser Neuhoff steht am Herd und löst das Problem der Sättigung mit Pfannkuchen für unseren Zug. Auf Tellern serviert er das Mahl, mit Kirsch– oder Johannisbeerkompott erweitert.

Am Mittag platzen einige Granaten direkt in das Pfannkuchenessen hinein. Unsere Russenprotze erhält zum dritten Male Treffer durch Granatsplitter. Fünf unserer Granaten, die wir im Garten gestapelt hatten, sind unbrauchbar. Ein Granatsplitter hat eine Infanterie–Granate durchschlagen. Wir studieren eifrig deren Konstruktion. Am Nachmittag widmen wir uns nun den Angehörigen, Briefe wurden gelesen und geschrieben. Jeder weiß etwas anderes zu schreiben. Einer blickt auf den finnischen Meerbusen und ist beeindruckt von der Herrlichkeit des Naturbildes. Er versucht dies seiner Mutter, 2500 km entfernt, zu schildern. Ein anderer schildert seiner Frau von den schönen Pfannkuchen, die ihm wie von seiner Frau gebacken schmecken. So hat er ja allen Grund, ihr dieses zu berichten. Der dritte denkt zurück an den 30. August und läßt den Tag in sich im Brief widerspiegeln. Auch ist einer, der auf Urlaub hofft, und seiner Frau Lieder vom Frieden singt.

Der Abend bringt die Ablösung wieder wie vor Kotly. Besser gesagt: Die Lösung vom Feind hier, um dort wieder mit ihm Fühlung aufzunehmen. In der Nacht zieht das Bataillon über ein Feld, das Regiment sammelt. Russenflieger summen am Himmel. Und jetzt schweben die Striche ihrer Leuchtspurmunition nur langsam tiefer. Die Landser suchen Deckung auf dem Feld. Der Russe schießt zu kurz. Das Gebrumm bleibt hinter uns. Und vor den Mond schieben sich Wolken, es wird dunkler. Zeltbahnen schützen die Landser gegen die Kälte, zum ersten Male friert es. Das Regiment aber tritt erneut an, Gegen die Sowjets.

Quellenangabe:
Gerhard Friedrich Dose (geb. am 28. Mai 1924) hat die handschriftlichen Aufzeichnungen seines Bruders übertragen. Weitere Infos und Fotos finden sie hier: http://www.collasius.org/ZEITZEUGEN/1941-00-dose/41dose00.htm
Ergänzt mit zwei Berichten aus der Soldatenzeitung „Front“ von Kriegsberichter Dr. König.



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