| Elektrizitätswerk (18. September bis 13. Oktober 1941)
Die Sonne des 28. September lachte am Himmel, der blau und wolkenlos über uns steht. Die Kühle des Morgens verjagt ganz die letzte Müdigkeit, die vom Schlafen her noch in den Gliedern steckt. Da schöpft man tief Atem, um so richtig das Wetter und die sich bietende Herrlichkeit zu genießen. So blickt man um sich und sieht das Bild, das sich seit dem 18. September schon in vielen Variationen zeigt.
In einer großen Ebene, die sich süd– und südostwärts von Urisk (?) erstreckt, durch Sümpfe, Kusseln und einen Bach unterbrochen, führt ein Weg zu einen zaunumstandenen Bauwerk. Mehrere grün angestrichene Häuser und ein Turm ragen aus der Fläche. Hohe Holzmasten verraten etwas von Elektrizität, von Radio. Aber alle Enträtselungskünste lassen diese Gruppe von Gebäuden, einen Turm und Schuppen nicht definieren. Der Turm dieses Werks diente einmal zur Wasserversorgung. Jetzt ist er unsere B–Stelle. Etwa einhundert Schritte entfernt ist unsere Feuerstellung, aus der wir schon manche Granate dem Feinde sandten. Die Bedienungen in Bunkern und einem Schuppen, in dem Radioapparate gestapelt waren. Die Pferde, zwei Panjepferde, Backenstief und Krapüll (?) sind im Stall. Jeden Abend müssen sie raus, Munition und Verpflegung holen.
Vom Turm aus haben wir eine herrliche Aussicht. Wir überblicken nicht nur das Vorgelände, in dem manch Russe, seine Zeltbahn umgehängt, umherläuft, sondern haben auch einen Einblick in die Stadt vor uns. Hinter dem Handtuchwäldchen erheben sich die Türme der Kathedralen und Zwiebelturmkirchen. Die goldene Nadel überragt alle Gebäude des alten St. Petersburg. Weiter rechts steht ein riesiges Bauwerk sowjetischer Baukunst. Ein Sowjetpalast. Und weitere Komplexe sollen Zeugnis ablegen von dem Aufbauwillen der Bolschewisten, den Ausländern zur Schau. Gewaltig stehen die Giganten von Leningrad neben den Flugzeughallen, die sich weiter rechts hinziehen. Und ganz links erstrecken sich die Dockanlagen des „Fenstern nach Europa“, man sieht Krane und leider auch qualmende Essen.
Aber die ruhige Zeit ist nun vorbei. Zehn Tage haben wir hier wie im Frieden gelebt. Kein Schuß fiel in unser Werk, nur die Essenholer und Melder mußten unterwegs sich manchmal hinlegen. Und als der Abend das Licht des Tages verdunkelt, da hört man erstmalig die neue russische Waffe: Die Raketenbatterien (später die Stalinorgel). Viele Abschüsse zugleich und hintereinander und dann 30 bis 60 Einschläge in einem Fort an einer Stelle. Dies ist der Beginn einer neuen Phase in der Zeit im Werk.
Die Nacht zum 29. September ist nicht die ruhigste. Nachts, gegen 2,00 Uhr weckt uns das Geplänkel von Gewehren und MGs. Der Melder kommt und bringt den Befehl: Erhöhte Gefechtsbereitschaft! Aber bald tritt wieder Ruhe ein, nur die russische Artillerie läßt den Himmel hin und wieder erhellen. Im Morgennebel, nach erneutem feindlichen Artilleriefeuer setzt das Geknatter russischer Infanterie wieder ein. Der Nebel nimmt uns jede Sicht. Störungs– oder Sperrfeuer schießen können wir nicht, jede Kompanie hat noch Spähtrupps draußen. Bald ist die Sicht besser und wir erkennen vor Urials (?) acht feindliche, schwere Panzer. Jetzt lassen wir unsere Geschütze sprechen. Die Granaten sitzen genau in den Schwärmen der Sowjetschützen. Das Feuer ist immerhin so wirksam, daß die Bolschewisten von uns ablassen und sich mit den Regimentern 209 und 220 befassen. Leider können wir nicht den gesamten Feindangriff überblicken, aber vor dem Bahndamm kommt der Russe nicht voran. Eifrig schießen die grünen Motorungeheuer. 11 Paktreffer können einem Panzerkoloss aber nicht erschüttern. Eifrig schießen die 21 cm–Mörser auf die Panzer, so daß sogar uns die Splitter erreichen. Die Panzer schießen und schießen. Immer wieder blitzt aus ihren Türmen, aber die russische Infanterie kommt nicht voran, dank der Awehr von IR 220, Artillerie und nicht zuletzt unseres Zuges. An die 200 Granaten sind aus unserem Munitionsbestand verschwunden.
Und ab heute ist es unsicher geworden in unserem Werk. Einige 7,5 cm Geschütze haben hinter dem Handtuchwäldchen ihre Rohre auf uns gerichtet. So sieht man jetzt nur noch laufende Landser. Vorbei ist das Bild, daß einer, einen Roman in der Hand, draußen in der Sonne sitzt und sich die frische Luft in die Lunge zieht. Vorbei ist der ruhige Schritt der Landser, nur mit Feldmütze bewaffnet, Essen zu holen. Ja, jetzt kann man nicht einmal mehr in Ruhe seien menschlichen Bedürfnissen nachgehen; das ist bei der unregelmäßigen Verdauung sehr peinlich. Aber trotz allem ist die Laune gut, sogar ausgezeichnet.
Am Morgen des 30. Septembers erkennen wir bei den uns allen zum Begriff gewordenen abgebrannten Häusern schanzende Russen. Unser kriegerisches Wirken auf diese Russen müssen wir bezahlen. Sofort meldet sich die 7,5 cm–Konkurrenz von der anderen Seite und landet eine Salve genau oben in unseren Turm. Oben passiert wie durch ein Wunder nichts, unten aber hat es unseren lieben Müllerstedt getroffen. Als alterfahrener Sanitätsmann läßt er sich es nicht nehmen, selber den Stiefel aufzuschneiden und sich zu verbinden.
Jetzt ist es so geworden, daß keiner mehr Verlangen nach irgendwelcher Lektüre hat. Der Russe sorgt zur Genüge für Abwechslungen. Am Abend besuchen drei russische Panzer unser Werk und dessen Umgebung. Ein 32–Tonner fährt hinter unserer 3. Kompanie umher. In der Dunkelheit kann er aber nichts anrichten. Infanterie der Sowjets sind nicht bei ihm. Die Verwundeten, die der Panzer machte, sehen allerdings gräßlich aus; der Arzt sagt, so etwas hat er noch nicht gesehen!
Der 1. Oktober bringt ständig russische Infanterieangriffe, die aber von unseren abgebrühten Landsern spielend abgewehrt werden. Die Landser machen sich aus ihren leichten MG schwere und das auf einfache Art und Weise. Einer schießt und der andere hebt vorne die Gabel und schwenkt immer nur von links nach rechts und wieder von rechts nach links. Da vergeht den Russen schon das Herauskommen.
Unser Wasser zum Waschen und Kartoffelkochen nehmen wir immer aus den Granattrichtern und Pfützen, die hier rund um unseren Turm liegen. Da erklärt es sich, daß einmal auch deren Wasser-inhalt verbraucht ist. So sind wir ganz „froh“ darüber, als am Morgen des 2. Oktobers einige Koffer in unser Werk fallen und riesige Wasserlöcher rissen. Der Turm büßt einige Fensterscheiben ein und wackelte ganz erheblich.
Dieses ist aber nur der Anfang von einem recht interessanten Tag. Russische Panzer und Artillerie sorgen dafür, daß wir uns nicht groß machen. Wieder rollen die Panzer vor und den Weg bahnend für die Sowjetschützen. Aber sie rechnen nicht mit den deutschen Pionieren, die in der vergangenen Nacht Minen legten. Stolz rollt der erste Koloß auf unsere Stellung zu, da erfolgt eine helle Stichflamme, ein Knall und die folgenden Panzer schalten den Rückwärtsgang ein. Jetzt, da der erste Panzer brennt, haben sie den Mut verloren. Wütend schießen sie wie wild in die Prärie.
Nun kennen wir aber die russischen Theaterstücke schon. Der Morgen des 3. Oktobers ist erfüllt von den Granaten der Sowjets. „Alarm“ wird befohlen. Überläufer erzählen uns, daß ein Russenbataillon den Auftrag hat, uns aus dem Werk zu treiben, und da ist es kein Wunder, daß man von uns etwas will. Wir haben darüber nun auch noch ein Wort zu sagen, ob wir hier heraus wollen oder nicht. Da sagen unsere MGs und Gewehre, unsere Artillerie und unser Zug es den Russen ganz genau, was wir dazu meinen. Er muß aber wütend klein bei geben.
Am 4. Oktober nach vielen Abenteuern und Verteidigungsmaßnahmen, nach Ausfällen und interessanten Erlebnissen kann das I. Bataillon die stolze Bilanz ziehen, drei Offiziere und 118 Mannschaften in dieser Stellung gefangen genommen zu haben. Das ist eine kampfkräftige Kompanie!
Die Nacht zum 5. Oktober kann uns trotz „Alarm“ und „erhöhte Gefechtsbereitschaft“, sogar „höchste Gefechtsbereitsschaft“ nicht aus der Ruhe bringen. Der Russe kann uns einmal gern haben. Böse Zungen sagen sogar etwas von der „allerhöchsten Gefechtsbereitschaft“. Aber der Tag will nicht, daß wir einmal frische Luft schnappen. Immer und immer wieder beehrt uns ein Panzer außer der gewohnten Artillerie. Dazu kleckern einige Granatwerfer in unser Werk, das nun schon anders aussieht, als wir am 18. September hier einzogen.
Am 6. Oktober versuchen drei Russenbataillone uns aus unserem Werk zu werfen. Bis dicht an den Bretterzaun kommen die Sowjets. Die Handgranatenzugsperre und unser MG Posten alarmieren uns sofort. Automatisch und gewohntermaßen wickelt sich die Abwehr ab. So einige Abpraller von uns stehen über den Kusseln, den Russen nicht zum Vergnügen.
Und bis zum 11. Oktober ist es immer wieder der gleiche Film. Der Russe knallt mit Artillerie, Panzern, Granatwerfern und sogar Feuerspuckern, die wir schon vom 30. August her kennen. Aber dieser Beschuß hat seine Spuren hinterlassen. So manche Granattrichter ist hinzugekommen. Der Zaun ist nicht nur von den Landsern zu Brennzwecken abgebrochen worden, sondern einige Granaten haben sich auch an ihm verirrt. So gingen zwei in unmittelbare Nähe unserer Anstalt für menschliche Bedürfnisse. Gottlob war keiner darauf, als zwei Panjepferde von den gleichen Granaten ihr Leben ließen. Auch unsere Panjepferde liegen jetzt tot in dem Radioschuppen. Die anderen beiden sind nach hinten gekommen.
Unser lieber Turm hat sich auch leicht verändert. Oben ist der Einschlag der „Müllerstedtgranate“ zu sehen, tiefer sieht man die vielen Treffer der Panzergranaten, die die Steine nach innen leicht eindrückten. Und um den Turm sind die Trichter der großen Sachen vom 2. Oktober. Im Hause des Bataillons hat ein Koffer ein Loch in einer 90 cm starken Mauer gerissen. Steine und anderer Schutt liegen verstreut umher. Große Löcher und Risse haben sich an den anderen Gebäuden eingestellt, alles dank der eisernen Sowjetgrüße. Oft sieht man auch in diesen Tagen eine Trage getragen von vier Mann. Und auf der Trage liegt einer, verwundet. Aber in allen Stunden des Ernstes ist immer die Ruhe und gute Laune vorhanden. Oft trägt etwas Alkohol viel zur Stimmung bei, und das ist in den meisten Fällen zur positiven Seite.
Gerade in dieser Stellung am Turm lernen wir die Russen so richtig kennen. Interessant sind die Erlebnisse mit den Gefangenen und Überläufern. So kam es vor, daß Wachtmeisters Kohns Abteilung schoß durch Anweisung eines russischen Unterleutnants. Gottlob sagen die Russen auch immer vor einem Angriff Bescheid. Ein paar Überläufer berichten uns ständig über die Stärke, die Angriffsabsichten und die Wirkung der deutschen Abwehr. So bekamen wir sehr bald heraus, daß beim Russen einfach tolle Zustände herrschen. Es ist eben nach Dichters Wort: Ein jedes Volk trägt Siegel nach dem Rang.
Und als wir am 13. Oktober die Stellung einem Zug von IR 220 überlassen, da ziehen wir zum Troß. Unrasiert, schmutzig, die Mäntel und Hosen lehmig zieht der Haufen auf der Rollbahn nach Krasnoje Selo. Das Bild ist eben: Abgelöst. Keiner von uns aber, wird je diese Stellung am Turm, am Elektrizitätswerk vergessen.
Anmerkungen: Zu dem vorstehenden Bericht gibt es noch zusätzliche tageweise Aufzeichnungen, die am 29. September 1941 beginnen und am 03. Januar 1942 enden. Die Schrift, auf russischem und vergilbten Papier, ist sehr schlecht geworden, trotzdem versuche ich, die Übertragungen. Bezüglich der Orts– und Familiennamen gilt auch das im Vorwort genannte.
29. September 1941:
Schon seit einiger Zeit haben wir uns mit dem I. Bataillon südwärts vom Urisk in einem sogenannten Kraftwerk eingenistet. Was dieses Werk nun eigentlich darstellt, das haben wir noch nicht enträtseln können. Um dieses sagenhafte Bauwerk stand bzw. steht ein hoher Bretterzaun. In jeder Ecke des Zauns sind Scheinwerfer angebracht, um bei Nacht den Zaun genau beleuchten zu können. Vielleicht fürchtete man sich vor Saboteuren oder Volksverrätern. Jedenfalls hat dieses Werk, das mitten im freien Gelände steht, einen Wasserturm. Dieser Wasserturm ist unsere B–Stelle. Von hier oben sieht man Türme der alten Zarenstadt St. Petersburg sowie die neuen sogenannten Giganten von Leningrad. Neben der goldenen Nadel und den Kuppeln von Kathedralen, Kirchen und Kapellen mit Zwiebeltürmen sieht man die gewaltigen Komplexe sowjetischer Baumeisterschaften. Außer Bauwerken, die den Sowjets als Schaustücke für Ausländer besonders lieb waren, sahen wir mehrere Flughallen eines Leningrader Flugplatzes. Man sieht Hafenanlagen, Docks und Krane, leider auch noch qualmende Fabrikschornsteine. Von diesem Turm sehen wir das ganze Vorgelände und haben somit eine herrliche Beobachtung. Schon oft haben wir ein Kampfesschauspiel von diesem Turm gesehen und dann unsere Meinung hinzu gegeben. Gute hundert Meter von diesem Turm entfernt stehen unsere Geschütze. Ein Wall in Hufeneisenform soll ihnen etwas Schutz geben. Um unsere beiden Spritzen herum hausen unsere Bedienungsmannschaften in „pompös“ eingerichteten Erdbunkern. In ihnen finden wir Borde, Haken und Lampen und in einem sah ich sogar einen Ofen. Man hat ja auch schon drei Monate Zeit gehabt, Erfahrungen für den Bunkerbau in russischen Verhältnissen zu sammeln. Und aus dieser Feuerstellung wurden dem Feind schon einige hundert Granatengrüße entgegen gebracht. Das macht immer Laune, wenn es einmal wieder geklappt hat. Oft klappte es ja auch nicht.
Hier erlebten wir schon Regen, Matsch, Sonnenschein, Kälte, Frost (im September), etwas Kohl-dampf, Essen in guter Qualität und Quantität, Beschuß, Flugblättersegen von Ratas genau wie Bordwaffensegen und friedliches Leben, kurz: wir lebten hier in mehr oder minder ernsten und heiteren Stunden.
Einige von uns, so sagte man mir, verbringen die Zeit mit zoologischen Züchtereien. Dies hat aber nachgelassen. Die Schützenkompanien waren zum Teil toll verlaust.
Im Turm ist außerdem die B–Stelle einer 21 cm Mörserbatterie. Mit ihnen erleben wir gemeinsam die Stunden verschiedenen Charakters. Wir tranken schon gemeinsam Steinhäger, sowie wir gemeinsam russische Angriffe abwehrten.
In einer Holzbude, die früher einmal ein Radiolager gewesen ist, stehen unsere vier Pferde von den kleinen Russenprotzen, auf die wir unsere Geschütze aufprotzen. Die Pferde stehen zwar ziemlich eng, aber das muß gehen. Heu bekommen sie genug. Jeden Abend müssen sie unsere Munition herbringen. Somit haben sie jetzt ihren regelmäßigen Dienst.
Aber nun will ich endlich zum heutigen Tagesbericht kommen. Die letzte Nacht war für uns nicht gerade die ruhigste. Schon gestern begann der Russe mit einem stärkeren Artilleriefeuer. Er schoß erstmalig mit einer von uns genannten Raketenbatterie, nachdem wir wieder einmal das wunderbare Schauspiel eines nächtlichen Fliegerangriffes auf Leningrad erlebten, wobei unsere Flieger Brandbomben und Bomben schweren Kalibers warfen. Bereits in der Nacht gegen zwei Uhr hörten wir Infanteriefeuer, so daß „erhöhte Gefechtsbereitschaft“ befohlen wurde. Schon lange hatten wir auf einen russischen Angriff gewartet. Jetzt war er gekommen. Das Feuer beruhigte sich aber. Im Morgennebel nach erneutem feindlichen Artilleriefeuer begann der Film von Neuen. Zunächst konnten wir nichts erkennen. Störungs– oder Sperrfeuer konnten wir auch nicht schießen, da noch jede Kompanie einen Spähtrupp ausgesandt hatte, die nun auf den Feind gestoßen waren. Aber bald wurde die Sicht besser und wir konnten vor Urisk acht feindliche schwere Panzer erkennen. Zunächst nahmen wir mit unseren beiden Geschützen die russische Infanterie unter wirksames Feuer, so daß diese von uns abließ. Der Feind griff die Regimenter 209 und 220 an. Den Angriff selber konnten wir nicht beobachten. Wir konnten lediglich feststellen, daß der Angriff diesseits der Bahnlinie nicht voran kam. Die Panzer schossen eifrigst. Ein Panzer bekam von der leichten Pak 11 Treffer und fuhr trotzdem weiter. Unsere 3. Mörserbatterie konnte eine 250 Pfundsache so landen, daß eines dieser Russenungetüme liegen blieb, worauf Hauptmann Leicher (?) seinem 2. Geschütz den „weißen Ring“ verkündete. Die Panzer schossen und schossen, aber die russische Infanterie kam nicht voran, dank der Abwehr von IR 220, Artillerie und nicht zuletzt unseres Zuges. Sandten wir den Russen doch an die 200 Granaten hinüber.
Am Nachmittag kamen die Panzer noch einmal, schossen jedoch nicht, sondern tobten nur so im Gelände umher. Man sagt, der eine hätte Batterien eingeschossen per Funk.
Aber unser lieber Turm findet wohl doch nicht das Wohlwollen des Russen; er bemüht sich ihn mit einem leichten Kaliber, wahrscheinlich 7,5 cm, zu treffen. Dabei ging ein Koffer in eine Garage, in der 17 Mann lagen. Der Tisch und die Bänke wurden total demoliert. Den Leuten aber geschah nichts. Einigermaßen schwarz kamen sie heraus.
Und gegen Abend dieses Tages wurde man noch mit MG–Feuer erfreut. So schliefen wir die Nacht mit einigen Hindernissen. Unsere 7,5 cm Konkurrenz von der anderen Seite ließ alle 2 Minuten von sich hören. Und so schliefen wir in den.....
30. September 1941
Am Morgen war starker Nebel, so daß wir nicht beobachten konnten. Als sich der Nebel aber verdünnte, erkannten wir bei den abgebrannten Häusern schanzende Russen. Die Konkurrenz meldete sich immer noch. Wir legten ihm dann einen Feuerüberfall von 6 Granaten pro Geschütz. Aber prompt darauf gab es die Antwort. Der Russe setzte eine Granate genau oben in den Turm über das B–Stellenfenster. Dem Leutnant Hüning von den Mörsern sowie unserem Mümmelmann passierte nichts. Aber unser lieber Müllerstedt, der unten im Wasserturm neben mir saß, bekam zwei Splitter in den linken Fuß. Ober, wo das Dach und das Mauerwerk zusammenstoßen, ging die Granate hinein. Die beiden Splitter, die Hans Müllerstedt trafen, durchschlugen die starke Bretterlagen und trafen dann seinen Fuß. Leutnant Hüning hatte ein verdammtes Schwein Die Splitter rasten hart an ihm vorbei. Ja, Glück muß man eben im Krieg haben, vor allem hier in Rußland, dem Sowjetparadies.
Verpfegungsmäßig sind wir der ersten Kompanie unterstellt, die sehr zuvorkommen für uns sorgt. Die Verpflegung kommt gut in Pergamentpapier eingepackt bei uns an. Für jeden ist sein Päckchen fix und fertig. Das dürfte unserer Küche gegenüber eine wesentliche Verbesserung sein! Wir sind sehr zufrieden und werden mehr als satt.
Heute morgen stellten Funker von den Mörsern ihren Funkkasten hier zu uns herein. Ich stellte schöne Tanzmusik ein (von England natürlich!) Man hörte auch etwas von „Swingtime“. Unsere Freude war recht groß, aber oh leider nahmen die Funker ihren Apparat wieder zu sich. Da war die Freude vorbei!
Vorhin wurde auch festgestellt, wieviel Granaten wir schon verschossen haben. Das rechte Geschütz hat hier im Osten schon 983 und das linke 637 Granaten verschossen. Das ist nicht gerade wenig!
Aus dem sogenannten Handtuchwäldchen beehrt uns noch das 7,5 cm Geschütz mit einigen Grüßen. Günther Wenkel ist zum Hauptverbandsplatz. Ihm soll dort ein Zahn herausgezogen werden. Wir wünschen ihm viel Geduld und wenig Schmerzen.
Mit großer Präzision hat der Russe direkt neben unseren „Donnerbalken“ einen Trichter hingesetzt. Zwei Pferde mußten dabei ihr Leben opfern. Unseren Pferden im Stall passierte nichts. Gott sei Dank verspürte in diesem Moment keiner ein menschliches Bedürfnis, das ihm hätte teuer zu stehen kommen können. Nun sehe ich mich veranlaßt, dieses im Bilde fest zu halten.
Ich sprach vorhin schon von den abgebrannten Häusern. Hier soll kurz die Geschichte dieser Häuser erzählt werden. Schon an dem Tag an dem wir hier einzogen, sahen wir diese drei Häuser in hellen Flammen. Am nächsten Tag erkannten wir Russen bei diesen Häusern und in den Mulden, die in der Nähe dieser Häuser sind. Wachtmeister Kohn von der leichten Feldhaubitze und wir beschossen gemeinsam die Russen dort und trieben sie aus den Feldbunkern heraus. Der Boden wurde den Russen zweifelsohne zu heiß. So wurden die Häuser einige Tage Niemandsland. Schließlich richtete IR 220 dort einen Stützpunkt ein, der sich immerhin ziemlich klein und häßlich machen mußte. Alsdann stieg der gestrige russische Angriff. Aufgabe eines jeden Stützpunktes ist es ja, sich bei stärkeren Angriffen zurückzuziehen. Als sich diesem Stützpunkt dann ein russischer Panzer und Infanterie präsentierte, gaben die Landser ihren werten Ort, die abgebrannten Häuser auf. Leider mußten wir beobachten, daß sie einen ihrer Kameraden gefallen zurück lassen mußten. Gegen abend wurden bei den abgebrannten Häusern bereits zwei Russenkompanien gemeldet. Und heute haben sich die Russen da ganz frech eingeschanzt. Man kann die meisten ihrer Bewegungen sehen, was für uns ja günstig sein dürfte. Leider macht man uns die Beobachtung ja etwas ungemütlich. Und eben wird festgestellt, daß ein Russe mit einem deutschen Stahlhelm herumläuft. Vielleicht hat man dem deutschen Gefallenen den Stahlhelm abgenommen, womit die Russen täuschen wollen. Nun soll gegen 17 – 18 Uhr von der ersten Kompanie ein Aushebekommando dorthin. Wir alle erwarten das Ergebnis mit Spannung. Ich verspreche mir jedenfalls keine große Erfolgsmeldung. Ja, und das ist die Geschichte der abgebrannten Häuser; das rechte liegt (nur IG–Leute herhören) 625 mehr von Grundrichtung 900 bis 1000 Metern.
Ja, und nun, was man so über den gestrigen Russenangriff gehört hat. IR 220 konnte 170 Überläufer im Gefechtsbericht buchen. Bei uns kamen auch ein paar an. Die Überläufer stammten vom russischen Regiment 35, das nach den Aussagen von Gefangenen vollkommen aufgerieben wurde. Bereits in der Nacht gegen 2,00 Uhr sollten sie angreifen. Man hat aber nicht gewollt. Sechs Mann sollten daraufhin erschossen worden sein. In der Morgendämmerung griffen sie dann wirklich an. Und weiter sagten die Gefangenen, daß die Kompanien im Durchschnitt noch 50 Mann zählten. Die zivile Verpflegungslage in Leningrad soll auch nicht gerade rosig sein. Viele Geschütze mit genügend viel Munition soll in Leningrad sein. Dies bezweifeln wir auf keinen Fall. Infanteriemunition sollen mehr als genug da sein. Auch das glauben wir. Die Gefangenen sagten von De-monstrationen in Leningrad gegen Juden und Kommissare. Uns kam das aber als fragwürdig vor. Die Knute regiert doch zu sehr im „Paradies“. Seine Panzer sollen mehr für Propagandazwecke benutzt werden, als für den Kampf. Soldaten sind nicht im Überfluß in Leningrad. Mögen diese Aussagen auch rosig erscheinen, so muß man doch feststellen, daß der Russe voll matschig ist, aber doch noch tut, was in seinen Kräften steht. Wir würden es nicht anders tun.
Eben zogen die Funker wieder bei uns ein. Hoffentlich bleibt der Apparat jetzt hier!
Und als der Stoßtrupp gestern von der Gegend der abgebrannten Häuser zurück kam, war die Ernte kläglich. Man brachte zwei Verwundete mit zurück. Der Russe sitzt zu stark drin. Irgend so ein V.B. von der II. Abteilung schießt da alle paar Minuten einen Schuß hin. Er sollte dort man richtig reinhalten, so mit 40 Granaten. Das wäre richtig. Die dritte Kompanie liegt nur 100 Meter von Russen weg. Man wollte dort schon eine Handgratenzugsperre anlegen. Der Russe meutert aber darüber. Man ließ es sein.
Inzwischen hat sich herausgestellt, daß der russische Panzer nicht durch einen 21 cm Mörser erledigt wurde, sondern daß der Panzer auf die deutsche Minensperre gefahren ist. Die Minen liegen 10 Meter von einander entfernt. Der Panzer suchte sich aber den Weg, na jeder muß wissen, wo er gehen und stehen will.
Am Abend erlaubten wir uns, Nachrichten und etwas Musik zu hören. Es war ganz angenehm. Man dachte schon an Frieden, oder ...., na, ich will nicht zu viel sagen.
01. Oktober 1941
Und die Nacht zum 1. Oktober war wieder mit den 7,5 cm Grüßen versehen. Dem Artilleriebeobachter hat man einen in die B–Stelle gesetzt. Gott sei Dank, ist nichts passiert. Heute wollen wir nun daraufhin einen Bunker in unseren Turm bauen. Hauptmann Leicher (?) läßt eine Kerbsäge mitbringen. Einmal sehen, wie wir das zurecht kriegen.
Sonst sollen wir heute eine Wechselstellung mit den Geschützen beziehen. Major Christiani befürchtet wohl, daß man unsere „Batterie“ auf den Kieker hat. Dann wollen wir einmal eine neue aufsuchen.
Heute morgen hörten wir schon wieder Radio. Peter Igelhoff erfreute uns mit einigen Klaviersachen.
Aber nun ein Ereignis der letzten Nacht. Unser lieber Bischoff, den Hesing auf Wache ablösen mußte, kam hier zum Turm her, um Hesing zu wecken. Statt dessen wurde Leutnant Mümmelmann aus dem Schlaf geweckt, worüber er sichtlich erregt war. Nach einer Beschreibung, wo Hesing schläft, rüttelte Hesing an meinem Bein. Dadurch wurde auch ich wach. Bischoff wurde nun genau beschrieben, wo der neue Posten sein Lager hat. Im Dunkeln tastete dann jemand im Turm herum. Die Stimme Bischoffs vernahmen wir und hörten: „Herr Leutnant haben geirrt, ein Lager ist hier, aber kein Hesing“. Worauf Günther Wenkel antwortete: „Der wird wohl im Bunker jenseits des Weges liegen“. Und tatsächlich fand Bischoff den Hesing in dem Bunker. Sang und klanglos hatte der sogenannte „Abraham“ unsere Wohnlichkeit geräumt und sich somit in größere Sicherheit begeben. Ja, „jeder mokt sins“.
Günther Wenkel lobt das Zahnziehen sehr. Er war schwer begeistert und hat kaum etwas gemerkt von der Prozedur, die manche Leute so verfluchen.
Jetzt sollen die Mörser auf die abgebrannten Häuser ihre Sachen senden. Den Russen wünschen wir viel Überraschung. Das Ergebnis wollen wir jetzt abwarten. Die zwölf Schuß lagen sehr gut. Den Russen wurde wahrscheinlich anders zumute.
Und am abend des gestrigen Tages griff der Russe wieder einmal an. Drei schwere Panzer wirkten im Abschnitt der dritten Kompanie. Die russische Infanterie wurde abgewehrt. Die Panzer fuhren lustig im Gelände umher. Ein solcher Jonny fuhr durch die dritte Kompanie hindurch und wirkte dort. Leider wurde man seiner nicht habhaft. Jedenfalls zogen wir aus unserem Turm aus und richteten unseren Bunker jenseits des Weges mit Leuchtpistolen, Handgranaten, Pistolen und Gewehren zur Verteidigung ein. Die anderen beiden Panzer wollte man Minen unter die Raupen legen. Leider waren die Panzer weg, als die Pioniere mit Minen ankamen. Und als der Film seine Spannung verlor, kamen die vier vom Troß zurück, die zur Körper– und Kleiderpfege hinten waren. Wenig später meldeten sich die sieben „Entlausten“ zurück.
Die Heinis von der Staffel erlaubten sich die größte Frechheit des Tages. Mit einem ungeheuren Maulwerk gelang es ihnen, uns heraus zu lotsen aus den Bunker. Wir waren auch zu treudoof!
Bei den Russenangriffen selbst genügte es einmal nur, daß Wenkel rief: „Rodenberg, los“ Und da jagte die Gruppe in Richtung der vielbesagten abgebrannten Häuser.
Und als der Morgen graute war der ...
02. Oktober 1941
Das ist mein Geburtstag. 20 Jahre erblicke ich jetzt schon das Licht der Welt. Momentan das Licht eines bedeutungsvollen Krieges und dazu in Sowjetrußland. Der erste Morgengruß war mir eine Detonation, die den Turm erschüttern ließ. Die Ursache war ein Einschlag dicht am Turm. Es wird wohl das größte Wasserloch werden, das der Russe uns bis jetzt hier machte. Und weiter stellten wir fest, daß der Russe uns mit Panzern 2 Treffer an die Ostseite unseres Turms setzte. Von innen sah man den leichten Eindruck. Und als ich mich auf den Turm begab, während man bei Urisk wüstes Artilleriefeuer hörte, stellte ich bald russische Panzer fest. Bald aber kam Leben bei uns in die Bude. Leutnant Hinning erschien, der gestern abend bereits mit seinen Leuten den siegreichen Rückzug antreten wollte. Es gingen Meldungen hin und her. Die russischen Panzer zogen sich aus dem deutschen Artilleriefeuer heraus und fuhren auf unseren linken Abschnitt zu. Und Gottlob hatte man gestern abend dort Minen gelegt. Schneidig in Reihe fuhren die Panzer vor. Der erste (ein 32 Tonner) hat seinen Panzerturm auf unseren Wasserturm gerichtet. Ja, mit welchen Hoffnungen fuhr er wohl? Oh, was war das? Ein heller Lichtschein, ein Krach und der Panzer fiel für den weiteren Kampf aus. Der zweite hatte einen Höchstanspruch für seinen Motor und seine Kupplung gestellt. Man sah in nämlich nur so zurück rasen. So schnell sah ich noch nie einen Panzer fahren. Als die Panzer die Lage erkannten, lagen sie wieder in Pak– und Artilleriefeuer. Wütend darüber schossen sie wild in die Prärie.
Unsere Mörserfreunde hatten uns für den Bunkerbau eine Säge mitgebracht. Sofort gingen Hesing und ich an das Fällen der Masten, die bei dieser merkwürdigen Anlage stehen. Als wir beim zweiten Mast waren, da krachten in ein Haus Granaten ein. Die Dachziegel und dergleichen wirbelten durch die Luft. Wir flitzten nur so in den Turm.
Unteroffizier Kleinecke ist heute morgen sofort mit seiner dicken Backe zum Zahnarzt. Na, viel Spaß für ihn!
Wir betätigten uns noch Masten absägenderweise. Aber ruhiger war das gerade nicht. Und als gerade das Mittagessen kam und wir wieder im Turm waren, da setzte er uns einige dicken Brocken neben den Turm. Alles wackelte und klirrte wieder. Wir rasten in den Keller von Leutnant Mattias, aber da war der Zauber vorbei. Zögernd kamen wir dann wieder in den Turm und aßen unsere Portionen auf.
Nach dem Essen wurde das Problem der Bunkerunterkunft gewälzt. Erst wollten wir im Turm ein stabiles Blockhaus bauen. Jetzt aber war uns das nicht mehr ratsam, denn die dicken Brocken usw. ..... Und als endlich im Haus des Bataillonstabes ein Volltreffer hineinging, der eine 90 cm dicke Mauer glatt durchschlug, eine Innenwand zertrümmerte und schließlich das so oft umsprochene Funkgerät (Siegfried, sichern, Heinz) unbrauchbar machte, da gaben wir den Plan endgültig auf. Man beschloß nach vielem Hin und Her, den Bunker jenseits des Weges zu beziehen. Den Eingang wollten wir ändern und somit die Sache sicherer machen. Steine sollten noch obendrauf.
Leutnant Münstermann hatte nun den Plan, zuerst den Ofen einzubauen, er wollte noch einen zweiten Eingang bauen. Wenkel und ich waren nun aber der Meinung, zuerst die Hauptarbeit zu machen. Durch Mißstimmung auf beiden Seiten kam dann ein kleiner Krach. Ltn. Münstermann wollte nun den besagten Bunker alleine bewohnen, und wir sollten in der Nähe dieses Bunkers einen neuen bauen, womit Günther Wenkel und ich auch sofort bis zum Dunkelwerden begannen.
Überläufer berichteten, daß vor uns noch immer ein Bataillon vom Regiment 35 liegt. Bei den letzten größeren Angriff hatte das Bataillon 40 Mannschaften Ausfall, somit war es nur noch 70 Mann stark. Sie sagten ferner noch, daß zwei schwere Panzer ausgefallen sind. Durch leichtere wurde der Ausfall ersetzt. Besagtes Bataillon hat den Auftrag, uns aus dem Werk heraus zu werfen. Das haben wir inzwischen gemerkt. Des öfteren haben wir dadurch Alarm. So auch gestern abend. Den Bunker richteten wir zur Verteidigung ein, genau wie das letzte Mal, als der Panzer durchgebrochen war. Wir schliefen aber doch noch ganz gut.
03. Oktober 1941
Wüstes Artilleriefeuer weckte uns. Dazu Alarm. Dem Bischoff setzte man ganz dicht neben seinen Bunker einen hin. Bißchen Glück gehört eben zum Krieg. Wir gingen auf den Turm und sahen etwa 30 Russen dicht vor dem Bretterzaun. Unser MG sprach. Die Handgranatenzugsperre hatte sich bewährt. Zweimal hörte man es krachen. Die verdammten Russen rücken einem immer näher auf den Leib. Von den Panzern sahen wir Gottlob nichts mehr.
Heute morgen konnte ich auch Hein und Lüdemann begrüßen, die die beiden anderen Fahrer ablösen müssen. Lüdemann wurde beim Heuholen sofort vom Russen begrüßt. Ja, hier wird mit Kanonen gesprochen, leider nicht mit Backfischen. Von den beiden Panjepferden hatte eins einen Splitter bekommen. Typischer Blattschuß. Das Pferd muß wohl erschossen werden, wie Lüdemann meint. Vielleicht erholt es sich ja.
Uffz. Kleinecke ist noch immer nicht vom Zahnarzt zurück. Günther Wenkel ist schon wieder hier. Ich werde wohl auch bald hin müssen. Ltn. Münstermann meint von sich dasselbe.
Auch heute morgen kam schon ein Überläufer zu uns. Er sah nicht mehr so frisch aus, wie die anderen. Sie betreiben wohl kein Rasieren mehr, sondern schanzen lieber.
Bei uns ist momentan die Körperpflege ganz groß. Wenn man dienstlich Läuse hat, dann kann man sich entlausen lassen. Läuse sind nun noch nicht erforderlich, um diese Kur zu machen. Wie in thermischen Bädern der Römer soll es da zugehen. Mit guten Speisen usw. Also beinahe Luxus im Krieg. Man bedenke in Sowjet–Rußland. Das will etwas heißen!
Gestern soll der Führer auch gesprochen haben. Hier wird nur erzählt, daß jetzt zur letzten Entscheidungsschlacht im Osten angetreten wird, dann soll Rußland gefallen sein; wie und wo und was sagte er nicht. Ich glaube ja nicht, daß Rußland kapituliert, dazu sind es radikale Bolschewisten. Man wird wohl eine Linie besetzen und dann laß die Russen Russen sein.
Das Wetter ist sehr schön, tadelloser Sonnenschein, kurz: heute ist Flugwetter. Hoffentlich bleibt es so.
Eben sind wieder zwei Überläufer gekommen. Das Regiment 2 hat die 35er abgelöst. Das Regiment soll zum ersten Mal eingesetzt sein. Somit ist der Russe wieder neu für uns. Er sagte: „Für dieses Brot kämpfe ich nicht“, damit hielt er ein kleines Stück Brot in der Hand.
Zum Abend hatte jeder eine halbe Flasche Bier und etwas Schnaps. Das war eine nette Abwechs-lung. Ja, ein guter halber Liter, das ist schon etwas.
Nun hat man vor, unsere Stellung in einen halben „Westwall“ umzuwandeln. Es sollen mehrere Minensperren, Handgrantenzugsperren und andere Scherze gebaut werden. Der erste Graben wird am Zaun dieses Werkes bleiben. Der zweite etwas 300 m weiter zurück an einem Weg. Unsere neue Feuerstellung kommt demnach weiter zurück. In einem sehr schönen Graben haben wir schon den geeigneten Platz gefunden. Gestern abend gegen 11 Uhr holte man mich wieder heraus, um eine Mulde als Feuerstellung zu inspizieren. Diese Mulde, besser kleine Bodensenke liegt zu weit nach links. Außerdem können sich die Leute nicht so frei bewegen. So bleiben wir in dem genannten Graben. Ganz abgesehen davon, daß wir sonst seitlich beobachten müßten, so liegt die B–Stelle im Strich (?). B–Stelle bleibt im Turm. Gestern hielt auch ein VB der ersten Batterie hier seinen Einzug. Und unsere tapferen Mörserhelden haben aus ihrer Haupt–B–Stelle einen VB gemacht; es war ihnen zu bunt hier. Aber die Nacht zum 4. X. verlief ruhig.
04. Oktober 1941
Heute morgen sollte ich zur Entlausung. Mit großen Hoffnungen starteten wir. Uffz. Mauer, Wenkel, Peters, Lüdemann, Hein, und ich. Leider gingen wir umsonst. Hermi (?) fand noch eine Petroliumfunzel; das war die Ernte dieses ungewohnten langen Tages. Walter Heinz ging zum Zahnarzt. Allmählich ist jeder dran. Inzwischen hat man hier einen russischen Oberleutnant gefangen genommen. ihm fehlte etwas von seinem Allerwertesten, denn er hatte sich damit in die Handgranatenzugsperre gesetzt. Weitere vier Mann hatte man gefangen genommen. Zwei Tote sind hier durch Artilleriebeschuß angefallen. Beim Spähtrupp drei Leichtverletzte. Fliegerangriffe waren auch auf das Handtuchwäldchen. Es sah zackig aus.
Und wie es sich dann herausstellte war dieser Oberleutnant kein Oberleutnant, sondern ein Hauptmann. Seine Absicht war es, überzulaufen, geriet dabei aber in die oft besagte Handgranatenzugsperre. Die anderen Aussagen hat er anständig gemacht. Er machte Major Kristiani den Vorschlag, wir Deutschen sollten lieber mit Flugblättern schießen, als mit Brisanz. Er meinte, dann hätten wir mehr Erfolg. Ein Unterleutnant war mit dem Hauptmann zusammen in deutsche Gefangenschaft gekommen. Dieser Unterleutnant zeigte uns noch eine Mulde, in der die Russen bei Tage sitzen, während nur eine schwache Sicherung steht. Bei dieser Mulde war die B–Stelle der russischen Artillerie. Das war nun für uns die Hauptsache.
Das I/154 hat in dieser Stellung bis zum heutigen Tage insgesamt 3 Offiziere und 118 Mann gefangen genommen. Das ist eine kampfkräftige Kompanie.
Am Abend ging es dann mit den Leuten zum Schanzen in die neue Feuerstellung. In dem großen Graben ließ sich sehr schnell und gut die Geschützstellung bauen. Munilöcher und Bunker wurden begonnen. Die Arbeit ging schnell voran, um die alte Feuerstellung möglichst schnell zu verlassen, was ja sehr verständlich ist.
Der Russe knallt in einer Tour. Nur abends und nachts läßt er einen zufrieden. Und das muß man ja ausnutzen.
05. Oktober 1941
Die letzte Nacht glich den vergangenen. Alarm, Gefechtsbereitschaft in weniger oder mehr hohen Massen. Und der Morgen brachte einen Beschuß durch russische Panzer. Unser armer, geliebter Turm. Er wurde ganz demoliert. Die Fensterrahmen, die Mauern, das Wasserbecken, kurz, der Turm dürfte aus B–Stelle ausgeschaltet sein. Von dieser Turmreliquie muß ich noch eine Aufnahme machen. Ich denke nur, daß er noch mehr bedacht wird, damit man ihn nicht zu filmen braucht. Ein paar Mal habe ich ihn schon geknipst.
Ja, den ganzen Tag schießt so ein blöder Panzer außer Artillerie. Da muß man sich klein machen. Das ließ sich nun mit unserem Bunkerbau schlecht vereinigen, so rasten wir nun meisten immer hin und her. Aber am Abend konnten wir die Balkenlage doch noch auf den Bunker legen und Erde drauf tun.
Für je 2 Mann gab es noch eine Flasche Sprudel. Es war sehr angenehm. Natürlich ist Bier den Landsern lieber, Aber immer „hinque“ eine herrliche Sache. Man darf ja nicht nur an die „Säufer“ denken. Die Antialkoholiker sollen ja auch zu ihrem Rechts kommen.
Und am Abend ging Uffz. Kleineke mit zum Schanzen. Demnächst wollen wir die Stellung beziehen Man klotzt da tüchtig rann.
06. Oktober 1941
Und dieser Morgen stand nun im Zeichen eines russischen Angriffs auf unser Werk. Leider konnte ich die Sache nicht gewohntermaßen vom Turm betrachten, sondern mußte den Angriff aus der Perspektive des Bunkers aus genießen. Als die Sache so ziemlich vorbei war, schossen wir noch einige Granaten in die Ziele, die man uns sagte. Direkt beobachten konnten wir nicht. Die Schüsse sollen aber richtig gelegen haben, wie Infanteristen behaupteten. Aus einigen Überläufern bekamen wir heraus, daß 3 Bataillone angegriffen haben. Man hat den Angriff spielend abgewiesen. Ein Hauptfeldwebel wurde gefangen genommen, der Dolmetscher bezeichnete ihn als „größten Unteroffizier“, meinte natürlich „höchsten Unteroffizier“. Dieser „größte Unteroffizier“ sagte, seine Kompanie sei nur noch 4 Mann stark gewesen, wovon jetzt 2 in Gefangenschaft sind. Demnach eine Kompanie in Stärke von 2 Mann. Ja, bei den Russen kann man etwas erleben. Man weiß ja nicht, was die so alles erzählen, aber im Großen und Ganzen sind die Russen ein tolles Volk. Sie kennen keine Kameradschaft, denn sonst würde der eine nicht den anderen verraten. Sie scheinen auch keine Lebensfreude zu haben, oder besser gesagt, sie bejahen nicht das Leben. Sie sind eben ein Stück „Vieh“ in der Roten Armee oder aber ein Sowjetmensch. Und wenn es sein soll, dann knallt der eine auf den anderen und zwar mit Bewußtsein. Man kann eben viel bei ihnen erleben.
Und heute wurde auch unser Bunker soweit fertig, daß wir hier einziehen konnten. Der Ofen brennt ganz groß. Man kann sich tadellos Brot darauf rösten. Der Kaffee wir auch schnell warm und die Bude ist knallwarm. Unser Ofen war früher einmal ein Radioapparat, wir haben in umgebaut. Ja, da staunt man wenn man dies liest, aber dem ist so.
Ltn. Münstermann ist nun auch dabei und baut sich den Ofen aus dem Turm in seinen Bunker, wo er mit Hesing haust. Vielleicht ist es ihm da etwas einsam. Er geht ja aber auch schon viel aus. Seine Parole scheint die gleich wie in Belgien zu sein: „Gehe gut und viel aus“. So findet man ihn meistens, vorausgesetzt, daß man ihn sucht, bei Ltn. Mattias. Dort sitzen die beiden im Keller und treiben Ulk auf ihre Art. Vielleicht ist der Grund des Besuches auch eine Flasche „Henningsky“ (?) oder was man sonst so hat.
Das Geschütz von Hermi Mauer ist schon wieder einmal ohne Luft auf den Speichen. Die Ventile sind wohl nicht mehr so ganz auf Draht. Das ist peinlich aber wahr.
Und in der Wechselstellung wühlt man jetzt schon bei Tage. Man will mit aller Gewalt umziehen. Die Fahrer fahren Baumstämme, zwar nicht vom Kaliber Orscholz, sondern 20–25 cm.
07. Oktober 1941
Den ganzen lieben Tag knallen Panzer, Artillerie und die Feuerspucker auf uns. Man muß sich da etwas in Acht nehmen. Aber Landser sieht man nur noch laufen, eilen, hasten; alle wollen schnell wieder in ihre Löcher. Der Turm bekam auch wieder seien Teil. Trotzdem geht der Uffz. von der ersten Batterie immer wieder auf den Turm zum Schießen.
Und abends zog die Feuerstellung um. Die Raketen, oder wie der Landser sagt „Dünnschißbatterie“, soll laut Gefangenenaussage auf uns angefordert sein. Man beeilte sich, hier fort zu kommen. Man stellte fest, daß die Handgranatenzugsperre durchschnitten war. Man hat sie gleich wieder hergestellt.
Und nun des Tages Sensation: Unser Ltn. Münstermann, genannt Mümmelmann, oder einfach nur Mümmel, will uns verlassen. Schon einmal war er für ein paar Tage fort vom Zug, um den schweren Zug zu übernehmen. Jetzt soll er zur Schützenkompanie.
Nachdem Oberleutnant von Kempski am 9. Juni (1940) bei Beaumont (Belgien) verwundet wurde, übernahm Ltn. Münstermann unseren I. Zug. Er war Zugführer und natürlich auch Mensch, denn Götter soll es auf Erden nicht geben. Und da wir einen ausgezeichneten Stellungsunteroffizier hatten, konnte Ltn. Münstermann es sich erlauben, sich weniger um den Zug und dessen Leute zu kümmern. So lernte Ltn. Münstermann erst in Belgien (nach Ende der Frankreichfeldzuges) die Leute bei Namen kennen. Uffz. Eberhardt erledigte alles, und wenn etwas war, fragte man ihn, Hein Feint (?). In Belgien (Vervier) selbst genoß Ltn. Münstermann sein junges Leben in vollen Zügen, so daß man allerlei Geschichten zu erzählen wußte. Und als dann zum 01.01.41 die Bierzeitung heraus kam, da las man folgendes beim I. Zug:
An des Zuges Spitze
steht Leutnant Mümmelmann
Er macht viele Witze
und geht aufs Ganze rann.
Mit Frauen und Alkohol
ist’s ihm am Besten wohl.
Und mit sehr viel Bedacht
durchzecht er manche Nacht,
kommt er dann am Morgen
beschläft er Tagessorgen
Und so ist er wirklich in Belgien gewesen, während er in Sissonne, dem Truppenübungsplatz bei Laon in Frankreich, sich dem Kasernenhoftor sehr bewußt war.
Aber richtig kennen gelernt haben wir ich erst seit dem historischen 22. Juni (1941). Schließlich war es ihm jetzt nicht mehr möglich, große Flitzetermine zu unternehmen. Gezwungenermaßen war sein jetziges Los, sich verlandsern zu lassen. Aber eines blieb dasselbe wie in Belgien, daß man viel von ihm erzählte, Man erzählte von ihm viel, genauso, wie er immer viel zu berichten wußte, kurz, er war immer das Zentrum. Alles drehte sich nur um Mümmelmann. Und hier in dieser Stellung spielte er als Kommandant des B–Stellenturmes eine gewichtige Rolle. Ja, Menschen sind nun in ihrer Eigenart nicht gleich!
Jetzt soll er in die 2. Kompanie fahren. Wir gratulieren ihm zu dieser Chance, hoffentlich hat er viel Glück dabei. Nur wir sind dann ja ohne Zugführer. Das Problem ist jetzt: Wen bekommen wir als Zugführer. Ltn. Alsen soll bereits den 2, Zug übernommen haben. Vielleicht soll Feldwebel Ehlert uns voran stehen, was wir zweifellos begrüßen würden.
08. Oktober 1941
Heute wurden wir durch wüstes Artilleriefeuer wach. Das bumste nur so. Die Raketenbatterie schoß auch. Da war die Lage so, daß bei IR 209 der Russe angriff. Zugleich ein Landungsversuch von See her. Man schlug den Angriff soweit ab, bis auf 14 52–Tonner, die gemächlich ihre Bahn in unser Hinterland zogen. Nun sind wir gespannt, wie ihr Schicksal weiter geht. Sonst, diese Riesenkolosse können schon Briefmarken machen aus Menschen und sogar Geschützen.
Wir schossen uns auch aus der neuen Feuerstellung ein. Dabei mußte ich einmal einem Sowjetpanzer von unserem zerschossenen Turm aus so ins Angesicht schauen, daß mir doch etwas anders zu Mute wurde. Nicht gerade betrauert verließ ich schnell wieder den Turm, ist er doch dasjenige, um das sich alles dreht.
Eben war ich im Bunker bei Ltn. Münstermann als Ltn. Mattias noch leicht beeindruckt herein kam. Ihm hatte sich ein Russe mit Handgranaten und Gewehr in seinen Kompaniegefechtsstand unten im Keller ohne Begleitung durch einen deutschen Landser präsentiert. Der Russe, ein Feldwebel, war auf rätselhafte Art und Weise durch die Sicherungen gekommen. Dieser Überläufer sagte dann, er hätte keine Lust mehr zur Kriegführung. Er sei vom Verpfegungsamt in Leningrad und man hätte ihm gleich einen Zug anvertraut, Seinem Kompaniechef sagte er, er hätte keine Ahnung vom Soldatenhandwerk, worauf der mit der Pistole gedroht haben soll. Der neue Zugführer war aber mit der Hand am Koppel und hat den Kompanieführer umgelegt, dann kam er auf besagte Art und Weise zu Ltn. Mattias.
Weiter wußte er zu berichten, daß eine Kompanie in Stärke von 200 Mann und eine weitere in Stärke von 100 Mann sich zum Angriff am T.P. bereit hielten. Wachtmeister Kohn, der vielgepriesene V.B. der Batt. 158 schoß dann einen netten Feuerzauber mit seiner I. Abteilung in die Russen, die der Feldwebel ihm genau aufgezeigt hatte. Der Erfolg war blendend. 22 Russen liefen über. Viele sagten, daß die deutschen Granaten tüchtig gewütet haben. Der russische Angriff aber ließ auf sich warten. Na ja, Abpraller in 300 Mann, die ohne Deckung sind, das soll schon wirken. Selbstverständlich beteiligten auch wir uns mit an dem Schießen. Ebenso erzielten wir auch Abpraller.
Und am Abend kam die Sondermeldung, daß vor Moskau 5 Armeen ihrer Vernichtung entgegensehen. Das erfreute uns besonders. Weiter hörten wir, daß es dem Russen gelungen sein soll, eine Division per Flugzeugen vom Ural hier in den Leningrader Kesser zu transportieren. Ob das ihn noch retten kann, glauben wir nicht, denn was ist in diesem Kriege schon eine Division. An einzelnen Stellen mag sie sehr wichtig sein, ein Bataillon macht da schon etwas aus, aber in einem großen Kessel so wie hier bei Petersburg, was ist da eine Division?
Von den Panzern hörten wir nur, daß es 16 anstatt 14 waren. 9 sollen am Nachmittag noch an einer Straße gestanden und geschossen haben. Man hat 8,8 cm Flak darauf gejagt. 2 Panzer sind noch auf Minen gefahren.
09. Oktober 1941
Heute morgen baute ich einen neuen Ofen, der alte Radioapparat stank zu sehr. Günther Wankel wollte unser Palais schon „Räucherkammer“ taufen. Deshalb ging ich dabei und töpferte einen aus einer Gußeisenplatte und Ziegelsteinen. Er wärmt sehr gut. Und das geröstete Brot schmeckt auch gut.
Heute ist der Russe sehr friedlich. Erst gegen Nachmittag schoß er ein paar Granaten auf unser Werk. Dagegen ist die Fliegertätigkeit etwas regsamer.
10. Oktober 1941
Ein paar Überläufer sagten heute morgen, daß der Russe wieder einmal angreifen wollte. Tatsäch-lich kam er dann auch. Wir schossen ein tadelloses Sperrfeuer, das aus dem Bunker ausgelöst wurde. Wachtmeister Kohn meldete sich wenig später mit seiner Batterie. Natürlich wurden die Russen abgeschmiert. Leider sind 4 Verwundete beim I. Bataillon zu verzeichnen. Einer sagte mit Kopfschuß: „Dem Hesing schoß der Russe heute morgen mit der Artillerie die Leitung kapput. Die Fensterscheibe von unserem Bunker ging bei dem Beschuß ebenfalls in Trümmer. Und nach dem einige Stunden ganz ruhig verliefen, fiel plötzlich ein Panzerschuß, der unseren Bunker erzittern ließ. Die verdammte Artillerie schoß wieder und ziemlich außer Atem kam Lindemann an. Er wollte eine Meldung bringen für Ltn. Münstermann.“
Wie sich noch herausstellte, stimmte es nicht, daß die Sowjets eine Division vom Ural in den Kessel von Leningrad geworfen haben. Das haben die Kommissare den Russen nur erzählt. Genau so soll Kingissepp und Pleskau, wie die Bahn Moskau – Leningrad wieder in russischer Hand sein. Man benutzt also Falschmeldungen, um die Stimmung der Roten Armee aufrecht zu erhalten. Das traurige ist nur, daß die Roten Soldaten nur von den Kommissaren Nachrichten erhalten. Aber die Wahrheit hat immer die längsten Beine gehabt.
Gestern sollten wir auch abgelöst werden. Aber, wie so oft, war die Ablösung ein : „Errare humanum est.“ Wir blieben und bleiben in dieser Stellung. Dieses Lied der Ablösung kennen wir aber nun schon seit dem 22. Juni. Und da wir nicht abgelöst worden sind, bleibt Ltn. Münstermann auch noch erst bei uns. Er soll nun die 3. Kompanie übernehmen.
Die Überläufer, die den Angriff der Russen meldeten, sagten auch noch, daß ihnen die kleine Artillerie sehr unliebsam sei, denn so viele Granaten fallen auf einen Fleck innerhalb so kurzer Zeit. Somit dürfte unsere Waffe beim Feind doch Respekt erworben haben. Nebenbei waren es 28 Überläufer.
11. Oktober 1941
Nachdem Günther Wenkel und ich eine Nacht so ruhig, ohne jede Störung, ohne Kälte und Zugluft geschlafen hatten, offenbarte sich der Morgen mit Sonnenschein und ... Frost. Aber die Ruhe, die über der Front liegt, wirkt so gemütlich auf die Seele der Landser. Trotz Bunkern oder Erdlöchern, Dreck und Kälte, meint man es sei ein Sonntag. Dabei ist heute doch Sonnabend, aber die Stimmung ist nach Sonntag und das ist entscheidend. Wir in der 58. ID haben ja die Erfahrung machen müssen, daß der Sonntag für uns meistens ein besonders historischer, strapaziöser Tag ist. So müssen wir uns einen Alltag als Sonntag wählen. Deshalb ist heute für uns Sonntag. Leider ist bei uns kein Funker mehr, der und durch das ewige sagen von: „Gegenstelle Thiel, Gegenstelle Thiel, melden sie sich, melden sie sich für Gegenstelle Mundt (?)“ und „erfreut“. Man kann aber noch mehr Freude daran haben, wenn er Musik einschaltet, die einen meistens erfreut.
12. Oktober 1941
Heute der Sonntag ist beinahe wie gestern, die Landschaft sieht leicht weiß aus. Der Winter kommt. Das I. 154, dem wir unterstellt sind, soll in Reservestellung kommen. Somit auch wir. Am 14. Abends soll die Ablösung erfolgen. Wir wollen daran glauben. Man spricht auch davon, daß die gesamte Division abgelöst werden soll, in Kranogwardeisk (?), so sagt man, sollen drei Divisionen aus Frankreich kommend, eingetroffen sein. Vielleicht kommen wir nach Frankreich, um die Waffen, Klamotten und uns zu überholen. Wir wollen der Hoffnung Ausdruck geben!
Ja, wir glauben es kaum, wir meinen, es sei ein Ulk: Wir werden heute abend abgelöst. Ein Bataillon von 220 löst uns ab. Piet (Gefreiter Peters) ist schon unterwegs, um den IG-Zug von 220 zu holen. Vor allem kann man in Ruhe einmal wieder Ordnung in seine Klamotten bringen. Ich kann meine Sachen suchen, muß zum Troß laufen und neue holen. Als ich in Kotly im Lazarett war, löste man ja meine Sachen auf. Wie die Raben fiel man über die Dinge her. Und um alles wieder in Schwung zu bringen, auch sich selber, dazu ist einmal Ruhe gut. Hoffentlich wird man nicht mit uns exerzieren und uns womöglich wie Rekruten behandeln. Man befürchtet die sogenannten Auflösungserscheinungen, wie sie im Weltkrieg stattfanden. So etwas soll von vornherein vermieden werden, vielleicht hat vom III. Bat. ja deshalb einer sein Bein verloren?
13. Oktober 1941
Und heute morgen begann unsere Reise zum Troß. In Dunkelheit und Kälte bewegte sich ein Haufen mit Russenprotzen und 2 Geschützen nach Rückwärts. Als der Morgen graute erkannte man die Gesichter. Ernst war die Stimmung. Die Uniformen durchaus überholungsbedürftig. Im Ganzen das Bild: Abgelöst.
Nun wurde uns auch das krasse Bild der Soldaten in rückwärtigen Stellungen klar. Man sah geputzt und gewienerte Koppel, Stiefel. Die Uniformen hatten den Typ von Ausgehuniformen. Die Soldaten in den rückwärtigen Stellungen hatten saubere Feldmützen auf, trugen am Koppel nur das Seitengewehr.
Hierbei kam einem doch zum Bewußtsein, daß es zweierlei Soldaten gibt, Einmal diejenigen, die für die Truppe ihre Aufmerksamkeit lenken sollen, die manchmal feindlichem Artilleriefeuer ausgesetzt sind, die aber in Großen und Ganzen ein friedliches Leben führen und den Krieg versuchen zu genießen. Warum auch nicht? Warum sollen die Leute es sich umsonst schlecht machen? Und zum Zweiten gibt es die Soldaten, die dauernd in der Gefahr schweben, beschossen zu werden, die nicht mit den Annehmlichkeiten des sauberen und reinen Lebens ausgerüstet sind, an die die größte Nervenprobe gestellt wird. Ohne Phrasen, es sind eben die eigentlichen Soldaten. Soldaten in der höchsten Erfüllung ihrer Pflicht!
Nachdem wir in einem Haus eingezogen waren, in dem die zweite Bedienung noch tüchtig zimmern mußte, um überhaupt einigermaßen Schutz vor dem kalten Wind zu haben, begrüßten wir Ltn. Alsen, der nun aus Neuss am Rhein aus dem Lazarett bei uns wieder gelandet war. So sah ich zu meiner Freude auch Reichardt.
Und nun die Krone des Tages: Heute wurde Ltn. Münstermann mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse ausgezeichnet. Der I. Zug nahm es zur Kenntnis! (Kommentar überflüssig!!!)
Und nun noch ein Ereignis, das sich in der vergangenen Nacht (vor der Ablösung) abgespielt hat: Abends wurde ich plötzlich gerufen. Zum Leutnant sollte ich kommen, dieser saß bei Ltn. Mattias, 1. Komp., im Keller. Als ich mich meldete, gewann ich bereits den Eindruck, daß eine mehr oder minder feucht fröhliche Stimmung herrschte. „Dose“, so bekam ich zu hören, „der Russe hat eben eine rote Leuchtkugel abgeschossen; wir werden deshalb schießen.“ Nach einigem Gerede wurde man sich dann einig, wohin die Granaten sollten. 62 Granaten sollten in der stockfinsteren Nacht dem Feind oder in dessen Gebiet gesetzt werden. Wiederum verging etwas Zeit, bis man das Mündungsfeuer sah, den dumpfen Abschuß hörte und sich der Beobachtung widmete. Das linke Geschütz von Uffz. Mauer, hatte wieder einmal sein alte Krankheit. Das Rohr ging nicht wieder von selbst nach vorne. Dadurch wurden nur 42 Granaten verschossen, was ich Ltn. Münstermann meldete. Dieser über die Schußzahl nicht zufrieden gestellt, befahl weitere 20 Granaten zu verschießen. Diese 20 Granaten gingen alle auf denselben Fleck, wie es befohlen wurde. Ein Melder aber raunte mir zu: “Die haben getrunken“. Diesen Eindruck hatte nicht nur ich gewonnen, sondern das war nun schon Gespräch! Dann war das Schießen bei Nacht vorbei. Ein Zug von 220 zog am Morgen in die Stellung, aus der wir bei Nacht geschossen haben, wir wünschen denen nur, daß sie nicht vom Russen etwas auf den Sack bekommen, denn die Antwort bleibt er nicht schuldig.
14. Oktober 1941
Der erste Ruhetag wird zum Instandsetzen der Uniformen, der Wäsche und der Waffen angesetzt. Das zweite Geschütz ist zur Werkstattkompanie. Das erste Geschütz hat der II. Zug leihweise bekommen, der hat momentan ja nur eins, das ist nagelneu.
Aber der Winter hat mit Frost seinen Einzug gehalten. Eis ist schon auf sämtlichen stehenden Gewässern. Der Boden ist auch hart. Man beklagt sich auch über kalte Hände, Ohren und Füße. Wie mag es nur im Januar sein?
Wie ich erfuhr hat das I. Bataillon in der Stellung am Turm insgesamt 12 Tote und 84 Verwundete verloren. Da die ersten Tage sehr ruhig waren, kommen bei weitem die meisten Verluste durch die lebhafteren Tage. Vielleicht ersieht man ja aus den Zahlen, daß in der Stellung nicht mit jungen Mädchen geworfen wurde!
Uns erfreut allgemein das zügige Vordringen der deutschen Truppen im Mittel– und Südabschnitt der Ostfront. Nun scheint die Hauptkraft der Bolschewisten vernichtet zu sein. Wie soll man sich denn sonst auf einem Male das große Tempo erklären, das unsere Truppen wieder aufnehmen, während vorher mehr oder weniger kurz getreten wurde. Möge bald dieser Ostfeldzug siegreich beendet sein.
Jetzt beginnen für uns die Arbeitskommandos. So muß Heu gefahren werden. Torf wir eingebracht, man rüstet sich per Gewalt für den Winter. Aber, oh leider, am heutigen Abend ist die Landschaft erstmalig weiß von Schnee. Beim Torffahren sah ich Kinder schon auf dem Eis spielen. Ja, das ist ein gewaltiger Unterschied. War im August die Sonne doch brennend heiß, einem hing die Zunge aus dem Halse, man schwitzte und fluchte über die Hitze. Und jetzt? Einen Herbst sah ich nicht. Die Wälder zeigten nicht den goldenen Schmuck wie im herbstlichen Deutschland.
Quellenangabe:
Gerhard Friedrich Dose (geb. am 28. Mai 1924) hat die handschriftlichen Aufzeichnungen seines Bruders übertragen. Weitere Infos und Fotos finden sie hier: http://www.collasius.org/ZEITZEUGEN/1941-00-dose/41dose00.htm
Ergänzt mit zwei Berichten aus der Soldatenzeitung „Front“ von Kriegsberichter Dr. König.
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