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Darstellungen des Kampfes 1914-1918
 
Lexikon der Wehrmacht
 

Wehrmacht-Lexikon

2. WELTKRIEG

Kampfberichte von der Ostfront
vom 24. Juni 1941 bis 31. März 1942

von

Oberleutnant Wolf Helmut Dose
02. Oktober 1921  + 28. Mai 1943 südl. Krasnyj Bor bei Leningrad

TEIL III.

15. Oktober 1941:

Heute morgen sah ich von der Artillerie zwei, die mit Skiern bewaffnet sich mit dem ersten Schnee befaßten. In unserem Hause, das wir mit dem Zugtrupp und der ersten Bedienung bewohnen, haben wir heute einen zackigen Ofen eingebaut. Das Rohr bauten wir durch das Dach, dabei war eine Pistole ein richtiges Werkzeug, denn mit ihrer Hilfe gelang es, schnell ein Loch ins Dach zu schießen. Man ist eifrigst bemüht, Betten und andere Möbel zu bauen.

Gegen abend duschten wir. Das war ein Hochgenuß. Die Duschanstalt würde in Deutschland allerdings polizeilich verboten sein, hier aber ist sie den Landsern ein sehr willkommenes Objekt. Frisch geduscht – gut gelaunt. Man sang fröhlich Schlager, ein Zeichen, daß die Landser sich freuten.

Hesing begann gestern sein 24. Lebensjahr und heute feiert Peters Geburtstag. Wir wünschen ihnen viel Glück für ihre neuen Lebensjahre.

Ltn. Münstermann nahm heute endgültig Abschied von unserem I. Zug. Allen, die anwesend waren, drückte er die Hand, während er sein neues EK I auf der Brust trug.

16. Oktober 1941

Am Morgen weckte und Kantfuss (?), in dem er rief: „Das Feuer ist in Brandt (?).“ Tatsächlich brannte die Schreibstube vom II. Bataillon ab. Hoch schlugen die Flammen in den klaren Himmel der Schneelandschaft. Man stellte noch Brandwachen und begnügte sich damit, das Feuer auf den Brandherd zu beschränken.

Aber, oh Wunder, die Parole ging umher, daß unser alter Spieß wieder irgendwo gesehen worden sein soll. Tatsächlich war er wieder da. Außerdem kamen Drexhage und Schweinebart (?). Uffz. Karl Walter war auch wieder da. Nun, da Hauptfeldwebel Müller wieder da ist, nehmen wir an, daß wir ihn als Zugführer bekommen. Von Karl Walter nimmt man an, daß er RI im schweren Zug wird. Interessant ist zu verfolgen, wie man sich den „Albert“ als Zugführer vorstellt. Einige meinen, er ist dann noch der, der brüllt: „20 Schritt nach links  - Marsch, Marsch!“ Andere urteilen, daß er als Zugführer genießbarer sein wird. Wir wollen es hoffen!

In unserem Quartier haben wir elektrisches Licht. Man hat an unseren Bulldog einen Generator angeschlossen. Durch einige Techniker und andere Umstände rast der Bulldog manchmal, während er größtenteils kriecht. Das Licht ist dementsprechend. An manchen Tagen ist das Licht als Licht zu bezeichnen. Aber heute beispielsweise „dunkelt“ das Licht mehr, als es leuchtet. Gott sei Dank, können wir unser eigenes Licht leuchten lassen, leider ist das wiederum aus Paraffin und einem Docht. Damit hat man ja auch seine Schwierigkeiten, aber es erhellt ja wenigstens.

Zu unserer Freude gibt es heute nicht nur Kaffee, sondern Getränke, die C2 H5 OH enthalten, wer etwas von Chemie kennt, weiß was es ist, andere können es erraten. So wollen wir den morgigen Geburtstag von Günther Wenkel im Voraus feiern. Und nun wollen wir den Korkenzieher ergreifen und ....

17. Oktober 1941

Gestern abend war es noch sehr gemütlich. Gingen aber nicht später als sonst schlafen.

Und nun hörte man endgültig offiziell im Zuge, daß unser Zugführer der alte Spieß ist. Er soll bei Oberfeldwebel Köster sein, um sich einzuarbeiten.

Aber besonders ärgerlich für mich ist es, daß meine kleine Pistole abhanden gekommen ist. Weiß Gott, wo die geblieben ist. Vielleicht hat sie einen ordentlichen Liebhaber gefunden. (Anmerkung: Es handelte sich um die Pistole unseres Vaters, die er privat als Polizeimajor als Dienstwaffe besaß und unsere Mutter nach dem Tode des Vaters 1927 hütete.)

Günther Wenkel feiert heute seinen 20. Geburtstag. Wir alle gratulierten ihm. In einer Weise ein alter Mann oder Krieger und doch so ein junger Kerl.

Heute ist auch ein Teil ins Kino gegangen. Zuletzt sahen wir in Königsberg einen Film. Gerade ein netter Unterhaltungsfilm ist für den Landser eine besondere Freude. Wenn Marika Rökk oder Ilse Werner tanzen oder die junge Geliebte spielen, dann vergißt der Landser die Dinge, die ihn umgeben. Mit Freuden wird er sich an den Film erinnern.

18. Oktober 1941

Keine besonderen Ereignisse.

19. Oktober 1941

Heute ist Sonntag, die Natur hat ihr weißes Kleid erneuert. Der Himmel hängt trübe über Bäumen und Häusern. In der Nacht bumste es einige Male. Man meint, es seien Fliegerbomben, Einschläge oder Abschüsse. Somit sind alle Möglichkeiten erschöpft.

Inzwischen hat sich unser Quartier so verwandelt, daß sich der II. Zug hier fremd fühlen würde. Einige Zeit hauste man hier auf Heu, das auf dem Fußboden lag. Nägel dienten als Garderobe und die Öfen waren nicht in dem Zustand, daß man ein Brandversicherung hätte bitten können, das Haus zu versichern. Nun haben wir für jeden ein Bett, zwar dreistöckig wegen Raummangels, aber man fühlt sich behaglich in ihnen. Tische und Hocker machen die Behausung gemütlich, während schöne praktische Borde die Nägel ersetzen. Zwei Öfen sorgen feuersicher für die Wärme und für das gelingen der Bratkartoffeln, die man essen muß, um nicht unnötig Kohldampf zu schieben. Die tägliche Hauswache sorgt für Brennholz und Sauberkeit im Quartier. Da unser Bulldog–Elektrizitätswerk nicht den Bedürfnissen eines Großstädters entspricht, werden mit einiger Regelmäßigkeit von Hesing und anderen Kerzen gegossen, die neben Petroliumfunzeln für die Hauptbeleuchtung sorgen. An ihnen schreibt man Briefe, Tagebuch und man ‚rubelt‘ hier sogar mit. Rubeln, gestern bis spät in die Nacht hinein. Und draußen steht ein Gerüst, das gegen Regen und Wind geschützt, den Bedürfnissen der Verdauung entspricht. Für ein vollendet gemütliches wohnen fehlt allerdings die Wasserleitung im Hause; man muß etwas 70 m laufen, eine geeignete Waschangelegenheit für Leibwäsche und dergleichen und... ...na, was wünscht sich jeder Landser gern? Ein Radio! Mit seiner Hilfe kann man nicht nur die neuesten Nachrichten hören, sondern das kann die Voraussetzung zu mancher gemütlichen Stunde sein. Auf jeden Fall: Ob man eins oder keines hat, das ist ein Unterschied! Wie aber in Vielen, der Landser hilft sich. So hörte ich neulich einige über Bahnen sprechen. Wußte der eine von einer Bahnfahrt mit elektrischer Lokomotive zu berichten, so erzählte ein anderer von der Pariser U–Bahn. Man stellte Erwägungen, Möglichkeiten, Verbesserungen und anderes in das Gespräch. Aber der Casus cnusus war der, man hatte das Bedürfnis, sich einmal rege zu unterhalten. Andere wieder erzählen von ihren Erlebnissen in Hamburger Unterweltvierteln. Ein jeder nach seinem Geschmack. Viele aber auch vergegenwärtigen sich die Tage des Kampfes; man stellte fest, daß der Sonntag es der Division angetan hat. Immer ist es am Sonntag.

Am heutigen Sonntag überreichte Oberleutnant von Kempski Günther Wenkel das EK II. Wir alle gratulierten ihm, der es bestimmt verdient hat. Vielleicht schon vor vielen anderen. Eine große Freude konnte unser Günther aber nicht unterdrücken.

Heute am Sonntag bekamen viele auch eine neue Garnitur. Wie die Ersatztruppenleute laufen wir nun hier herum. Besser aber als mit zerrissenen Lumpen umherflitzen. Fragen tun wir uns nur, warum gerade jetzt die Neueinkleidung? Will man uns vielleicht doch hier herausziehen?

Aber unser neuer Zugführer, genannt „Prinz Albert“, strahlt heute eine Güte aus, die man von ihm nur in den seltensten Fällen gewohnt ist. In den Erwartungen sind wir von ihm nicht enttäuscht. Hoffentlich ist unser Eindruck auf ihn auch ein guter. Den besten geben wir gerade nicht ab!

Heute, am Sonntag, ist auch wieder Kino. Voller Erwartung wollen wir jetzt hin und die gute Stimmung auf beste Qualität ändern.

Und eben komme ich vom Kino. Ich sah die Wochenschau. Sie sagte nichts von den seelischen Beanspruchungen der einzelnen, nichts von Tod und Elend, von Grausamkeiten und Opfer bringen, sie sagte aber eines: Die Größe des gewaltigen Kampfes im Osten. Vielleicht sagt sie das schon zu gut, zu groß. Man merkte: Hier kämpft man einen Kampf von der Größe, wie der deutsche General Ludendorff ihn voraussagte. Und dann kam der Hauptfilm: Venus vor Gericht. Es ist nicht am Platzte, hier über den Film zu sprechen. Als man sich zum Weg nach Hause machte, klang die Wirkung in einem nach. Glich es doch, wenn man irgendwo in der Heimat ein Kino verläßt und auf der Straße in der Dunkelheit den Heimweg antritt. Hat der Film einem doch die Gedanken des Alltags vergessen lassen, zugleich ist es nicht verkehrt, einen Film zu sehen, weil man vieles aus ihm lernen kann.

Auf dem Heimweg sprachen Günther Wenkel und ich von der Freiwilligenmeldung. Vielleicht versteht nicht jeder, daß man einen drei Kilometer langen Weg darüber sprechen kann. Aber jeder denkt anders darüber...

In der Ferne sah ich den Flimmer der Leuchtkugeln, der einen daran denken ließ, daß es nicht nur Kino gibt. Ein Ernst, eine Pflicht ruft...

Im Quartier angelangt, werde ich gleich bestürmt: „Dose, Du hast etwas für Dein Tagebuch.“ Vor einer Stunde sind hier einige Einschläge gewesen, so daß sogar einige Dreckklumpen auf unser Dach fielen. An sich unbedeutend, insofern aber erwähnenswert, weil man hier hinten einmal auch etwas für uns über hat.

20. Oktober 1941

Heute morgen konnte man die Wirkung der Granaten sehen. Das Kaliber der Granaten schätze ich  auf mindestens 18 cm. Eine Granate hatte den Troßpferdestall mitgenommen. Es mußte extra ein Arbeitskommando abgestellt werden, um den Stall wieder aufzubauen. Aber weit interessanter ist der Einschlag einer Granate bei unserer Küche, dort wo Beschlagsmeister Mise (?) und Uffz. Tans (?) wohnen. Ein kleiner Anhänger schwebte durch die Luft genau in einen Schuppen hinein. Ein Lkw wurde hinten leicht angekratzt. Die Trichter waren aber denen von Fliegerbomben ähnlich.

Den Tag nutzten wir, um die Protzen, unser Gerät und unsere Klamotten auf ‚Draht‘ zu bringen. Heute abend sehen unsere Protzen ersatztruppenmäßig aus.

Der Bruder von Wilhelm Riebeling, einer unserer Fahrer, ist hier bei Leningrad bei Mondellwo (?) gefallen.

21. Oktober 1941

Der Vormittag stand heute im Zeichen der IG Ausbildung, Richtausbildung und Nachrichtenausbildung. Es tat auch wirklich einmal Not. Es sind viele Leute vom Ersatz gekommen, die nichts vom IG wissen. Hoffentlich klappt ein Schießen in Zukunft besser.

Leider hat sich Frostwetter in Matschwetter verwandelt. Dadurch sind die Straßen wieder ‚gebohnert‘. Es nieselt ebenfalls so leicht vom Himmel. Das ist einem zweifellos unangenehmer, als 2 – 3° Frost.

Beim Torffahren heute erzählte man mir, daß in Krenogrardeisk (?) einige Divisionen aus Frankreich kommend ausgeladen werden. Man sei schon einige Tage dabei. Bin gespannt, was man mit denen vorhat? Heute gibt es auch wieder Geld!

Als Aumann heute nach Hause kam, wußte er zu berichten, daß die 1. Division abgelöst sein soll. Wir sollen bald folgen und tatsächlich verladen werden. Das Gerücht schwirrt seit einiger Zeit  ja hier schon herum. Ja, nett wäre es ja, wenn wir nach Frankreich kämen. Einige meinten schon, daß sie dort angelangt ihre Löhnung sofort in Likör, Bier, Sekt und Wein umsetzten wollten. Sie wollten trinken, um sich des Geistes zu berauben. Und dieses dürfte man verstehen, wenn man bedenkt, daß diese zukünftigen ‚Säufer‘ aus Rußland kommen. Man bedenke, was man entbehren mußte, allein an den sonst gewohnten alkoholischen Getränken.

Am letzten Sonntag deutete ich an, daß der Sonntag meist für unsere Division kein Sonntag ist. So will ich einige Beispiele unserer Sonntage nennen: War doch am Pfingstsonntag (1940) am Abend die Vorbereitung zum Angriff auf Ritzingen. Damals am Westwall. Aber am 9, Juni 1940 war der große Tag der Schlacht bei Beaumont (Belgien). Jeder Teilnehmer weiß, womit dieser Name verbunden ist. Verladungen, Märsche, große Übungen pflegten nur sonntags statt zu finden. So als Beispiel die Verladung in Verviers (Belgien) nach Sissonne (Frankreich). Aber nun vom Ostfeldzug. Begann dieser Krieg auch an einem Sonntag, jenen historischen 22. Juni 1941. Leutnant Klein fiel an einem Sonntag. Der Angriff auf Niso (?) war an einem Sonntag. Leutnant Alsen verließ an einem Sonntag die Truppe wegen seiner Verwundung. Oberfeldwebel Schröder fiel an einem Sonntag. Jener Soldat, der durch keinen zu ersetzen ist. Und an einem Sonntag griffen wir auch irgend ein namenloses Dorf vor Leningrad an. Jeder, der diese Sonntage und noch andere ungenannte Sonntage miterlebt hat, der weiß, daß diese Tage das meiste Blut forderten, die größte Nervenprobe an einen stellte, daß diese Tage mit dicken russischen ‚Sachen‘ versehen waren. Und wenn ein bedeutender Angriff ist, dann ist er bestimmt an einem Sonntag.

22. Oktober 1941

Heute nacht bedachten die Russen mit einigen Granaten wieder unser Revier hier hinten beim Troß. Es passierte nichts.

Man meutert momentan wieder einmal sehr über unsere Küche. Der Russe schlägt sich seinen Pansen voll, während andere des Morgens fasten müssen. In Deutschland darf nicht einmal ein Gefangener mit einem an einem Tisch sitzen. Hier schläft der Russe sogar mit in dem selben Zimmer. Das ist aber unser Eube (?), der Allgewaltige der Kompanie. Und wenn es auch mal Braten gibt oder sonstige Leckerbissen, genug Essen ist nicht immer da. Als die 1. Kompanie uns verpflegte wurden wir mehr als satt, nun aber ist das alte Lied des Kohldampfschiebens. Ja, immer das gleiche alte Lied.

Seit einigen Tagen hat sich bei uns im Haus ein kleiner Besucher eingefunden. „Wodka“ nennen wir ihn, es ist ein junger Wolfshund, der gerne Spielobjekt ist. Zwar tritt man oft auf ihn herum, weil er überall und nirgends herum kreuzt, aber er fühlt sich dennoch bei uns zu Hause. Man hat für ich Wurstpellen und Speisereste über. Trotzdem ist er proppenfett. Das stubenreine Benehmen muß er allerdings noch lernen. Es kam schon vor, daß man von ihm Verlorenes unter einem Bett fand. So jung wie er ist, springen kann er wie ein alter. Momentan liegt es auf Günther Wenkels Bett. Natürlich hat er die Wolldecke als Unterlage gewählt. Behaglich knurrt er. Aber da ruft ihn schon einer. Er springt vom Bett und bekommt Wurstpelle. Er springt schon ordentlich hoch danach. Schnell hat er die Happen verschlungen. Nun sitzt er erwartungsvoll und wartet auf das nächste Stück. Als Landser hat man viel Freude gerade an jungen Tieren. Spielte RMR (Rittmeister Robert Miles Reincke, Kompaniechef in Frankreich) doch gerne mit „Bunker“. Hauptfeldwebel Jüchter hat „Senta“ zur Freundin. Fritz Ficken nahm „Antje“ in seine Obhut. Jetzt erfreut uns „Wodka“, der kleine russische Wolfshund.

Hier im Hause bei uns ist auch die Arrestzelle. Heute zog einer ein. Er soll irgendwie menschliche Gelüste an Russenweibern gestillt haben, so erzählt man wenigstens, ich war nicht dabei.

23. Oktober 1941

Man bemüht sich, die genaue Aufstellung unserer Zugausrüstung zu erfassen. Das ist ziemlich schwierig, weil man noch sämtliche Sachen einzeln suchen muß. Mir scheint das auch mehr eine theoretische Angelegenheit zu sein, als es überhaupt not tut.

Oberleutnant von Kempski war heute in seiner „vollen“ Person hier erschienen. Hat sich aber schnell wieder verzogen. Schade, daß ich ihn nicht sprechen konnte, hätte ihm vieles sagen können!

Nachmittags hielt unser Prinz Albert Unterricht ab. Man war der Meinung, daß er nicht mit Kriegserfahrungen ausgerüstet ist wie andere. Aber alles soll gelernt sein.

Bei uns haben sich auch viele Ersatzleute einquartiert. Sie sollen eine Nacht bei uns logieren. Nun erzählt alles groß durcheinander. Der Ersatz kommt aus Hamburg. Das sagt alles.

24. Oktober 1941

Nachdem unser „Wodka“ uns eine unruhige Nacht bereitete, unternahmen Oberfeldwebel Müller, Uffz. Kleinecke und ich eine Inspektionsreise zur „Kempski–Linie“. Man wohnt dort nicht mehr in Bunkern oder Unterständen, sondern in Salons und Palästen. Diese Bauten übertrafen alles, was sich meinen Augen bisher bot. Wörtlich, Klavier und Geige fehlten nicht.

Aber eine traurige Kompanienachricht hörten wir heute. Unser geliebter Oberleutnant von Kempski soll uns verlassen. Er hat das Glück zur Division als Adjutant von Major Kaulbach zu kommen. Für ihn bedeutet das für die Zukunft sehr viel.

Die Kompanie soll sage und schreibe Ltn. Münstermann übernehmen. Vorläufig sieht man auf allgemeinem Gebiet schwarz. Hoffen wir im Gegenteil das Beste.

Man spricht davon, daß Leningrad nicht angegriffen werden soll. Krankheiten sollen dort schon um sich greifen.

In Oranienbaum soll die Pest ausgebrochen sein. Alle, die den deutschen Linien zustreben, werden wegen Krankheitsübertragungen abgeknallt.

25. Oktober 1941

Man bemüht sich nun auch uns in Bunkern unter zu bringen. Es ist ja Divisionsbefehl, daß alles wegen Brandgefahr und Artilleriebeschuß in Bunkern unterkommen soll. Und durch diesen Umstand war heute eine Streiterei mit dem Hauptfeldwebel der 7. Kompanie. Schließlich gaben wir klein bei, denn der Klügere gibt nach und das wollen wir sein!

Heute zur Mittagszeit ließ eine gewaltige Detonation unser Haus erschüttern. Bürsten, Becher und andere Gegenstände fielen von den Borden. Im Nebenraum wurde die vor die Fenster genagelten Sperrholzplatten eingedrückt. Und als wir aus dem Haus stürzten, bot sich uns ein Bild, das vielleicht einmalig sich uns in unserem Leben bietet. In größer Höhe schwebten in der Luft Klumpen, wie wir erst annahmen. Langsam kamen diese Dinger tiefer, und da stellte wir fest, daß ein Heuregen einsetzte. Wir gingen wieder in unser Haus, um gegen diesen Segen geschützt zu sein. Als wir es wieder verließen, sah man im Qualm der Explosion Schuppen und Baracken nur schwach. Nachdem die Luft wieder klar war, war unsere Gegend mit einem grau–grün–gelben Teppich überzogen, der sich über Dächer, Straßen, Schnee, Lkws und Bäume erstreckte. Somit war hier alles farbenmäßig einheitlich getarnt.

Zunächst nahmen wir an, daß es sich um Artilleriebeschuß handelte, kamen aber bald zu anderer Überzeugung. Es hatte sich ein tragischer Unglücksfall ereignet. Pioniere, die mit Minen hantierten, um neue Legearten auszuprobieren, hatten Unglück gehabt, wobei die Minen hoch gingen und weiter das Munitionslager der Pioniere, insgesamt etwa 1000 kg Sprengstoff. Am Ort selber wurden 5 Mann getötet. 20 Pferde mußten erschossen werden. Das Dach des betreffenden Pferdestalls rutschte eine Etage tiefer und bedeckte die Pferdeleiber, die mit ihren Beinen durch das Schindelwerk des Daches ragten. Man wühlte und zerrte Menschen und Pferde unter diesem Bretter– und Ballengewirr heraus. Bedauern muß man aber die 5 Pioniere, die ihr Leben vielleicht durch eigenes Verschulden verloren.

Für uns hatte dieses tragische Unglück den Vorteil, daß die toten Pferde uns Gelegenheit gaben, einmal wieder echtes Roßbeef zu essen. Am Abend schmeckte uns das frugale Mahl ausgezeichnet und außerdem war es eine willkommene Ergänzung unserer Verpflegung. Persönlich habe ich erstmalig bewußt Pferdefleisch gegessen. Ich muß ehrlich sagen, daß mir diese Hottehüh außerordentlich gut schmeckte. Etwas zäh war es ja. Das gehört aber jetzt zum Krieg.

Groß war auch unsere Freude, als wir einen ausführlichen Bericht unserer 58. ID in einer Beilage der „Front“ vorfanden. Man vergißt in ihm nicht die Toten unseres Regiments zu würdigen. Damit verbunden ist unser Beitrag zu den Kämpfen. Besonders denken wir dabei an die Gefechte ostwärts des Peipussees in Richtung Narwa. Wir denken an Niso. Vor allen denken wir aber an die vier Wochen Stellungskrieg an der Narwa und Pjussa. Nie werden wir den Übergang über die Pjussa am 14. August vergessen, als wir die „schönste“ Wasserfahrt unseres Lebens machten. Schlugen doch die Granaten der Sowjets dicht bei uns ein. Und endlich zogen und zerrten wir unser Geschütz bis in die Stellung des uns sehr bekannten „Nordigels“. Vier Tage lösten „Alarm“, „erhöhte Gefechtsbereitschaft“, „höchste Alarmbereitschaft“ und andere Zustände einander ab. Mich persönlich formte diese erst zum Soldaten in seiner höchsten Pflichterfüllung. Vielleicht gingen es anderen gleich.

Weiter finden wir in dem Bericht die Kämpfe um die Bunker an de estnisch–sowjetischen Grenze. Lebhaft erinnern wir uns an diese Tage. Wir denken beim Lesen dieser Zeilen auch an den Galopp durch das gezielte Artilleriefeuer auf der Rollbahn Narwa–Kingissepp. Auch erinnern wir uns an Kingissepp und seine Tage. Jeder weiß Bescheid. Vielleicht kann ein späterer Besucher dieser Gegend sich einmal ein Bild der Kämpfe von Narwa bis Kingissepp machen, wenn er rechts und links der Straße jene Hügel sieht, an deren Kopfende ein schlichtes Holzkreuz und ein Stahlhelm stehen. Und wenn man bedenkt, daß diese einst unsere Kameraden waren, dann wird man unsere Leistungen auch anerkennen, vielleicht mehr anerkennen, als man es bisher tat. Nur der kann besser wissen, was Kampf heißt, der selber in den Reihen stand, die einmal gegen den Feind anrannten. Und so wollen wir hier an dieser Stelle jener Kameraden gedenken, denen es nicht mehr vergönnt ist, in unseren Reihen zu stehen und damit am Leben zu sein! (Der Bericht der Frontzeitung lag dem Manuskript bei.)

26. Oktober 1941

Mit 20 Melusen (?) (Kriegsgefangenen) begannen wir heute mit dem Bau von unseren Bunkern. Eifrig sind wir bemüht, unsere Wohnpaläste zu errichten.

Gegen mittag fuhr hier der erste deutsche Zug vorbei. Eine deutsche Lokomotive mit einigen Güterwagen fuhr in gemächlichen Tempo über die umgenagelten Schienen. Landser, die dieses erstmaliges Bild sehen, begannen ein Freudengehäul. Genau verfolgte man den Zug. Und als ein Bahnübergang zu überqueren war, hörte man den Pfiff der Lokomotive. Erneut brüllten die Landser und ihre Gedanken wanderten zu den Zügen, die man seit langem erwartet. Man sprach auch:

„Achtung, Achtung, bitte zurücktreten, der Fronturlauberzug Petersburg – Hamburg wird sofort in den Bahnsteig einrollen!“

Der heutige Sonntag war wieder selbstredenderweise ein Alltag. Die Schanzarbeiten standen im Vordergrund dieses Tages. Gleichzeitig wird Holz gefahren, wobei sich eine köstliches Geschichtchen entwickelte. Zwei mit Bauholz beladene Wagen rollten des Weges dahin. Die Fahrer wußten nicht wohin mit ihrer Last. Deshalb fragten sie. Sie fragten nun aber gerade einen von uns. Der kurz entschlossen, lenke die Wagen zu unserer Baustelle. Schnell hatten Gefangene die Wagen entladen. Ohne Knurren und Murren zogen die Fahrzeuge auch wieder fort. So etwas von Dummheit muß ja bestraft werden. nun sind wir darauf gefaßt, daß man uns das Holz wieder fort holt.

27. Oktober 1941

Eifrig schanzten wir heute wie schon gestern. – Sonst keine besonderen Ereignisse.

28. Oktober 1941

Gestern abend brannte ein langer Schuppen ab. Munition, mehrere Maschinengewehre, Pferde und viel, viel Verpflegung brannte auf. Zivilisten, Kriegsgefangene und Landser wühlten in den Reliquien. Man stelle sich nur einmal vor, daß die Gefangenen von den verbrannten Pferden Därme, Fleischfetzen und Fellstücke nahmen und in ihren Beuteln mitnahmen. Ist das nun übergroßer Hunger oder gleicht dieser Mensch Schakalen?

Unsere Küche wäre um ein Haar auch abgebrannt. Unter einem Fußboden schlugen bereits die Flammen. Rechtzeitig sah Hilgers das Feuer. Gottlob konnte man die Feuersbrunst überwältigen, bevor Unheil angerichtet wurde.

Das Schanzen bei unseren Bunkern fand heute bei erstmaliger größerer Kälte statt. Stärkerer Wind und Schnee machten es verdammt kalt. Ich schätze es auf 15° Kälte. Die Winterbekleidung tat uns gute Dienste.

29. Oktober 1941

Mittlerweile gab die „Front“ – Zeitung einen ähnlichen Bericht über Kingissepp wie in den letzten Tagen über Narwa. (Auch dieser Bericht lag dem Manuskript bei. Die am Anfang gezeigte Karte stammt aus diesem Bericht.)

Heute war ich mit nach Urisk, um für unseren Bunker das nötige Inventar zu besorgen. Tische, Stühle, Spiegel, Ofenrohre, Herdplatten, Kleiderbügel, Scharniere, Türgriffe, Schrauben, Sägen, eine spanische Wand, ein Bild und Kochpötte und Bratpfannen ragten aus dem Wagen empor. Morgens um 5.oo begann unsere Expedition bei Eis und Schnee. Es war verdammt kalt. Aber am Nachmittag waren wir wieder zu Hause.

Ein paar Flieger behinderten zwar unsere Fahrt nicht, aber die Ruhe der Fahrt wurde durch Ratas und andere Flieger gestört.

Aber wenn man sieht, wie die Russen in den Bauten hausen, dann kann einem ekelig werden. Ich glaube, daß es nicht nötig ist, zu schreiben, wie es aussieht, das schreiben andere genug. Man kann aber auch riechen, wo Leute wohnen oder nicht. In Paris roch es nach Parfums und anderen wohlriechenden Dingen, aber hier stinkt es unbeschreibbar. In Deutschland ist jeder Stall angenehmer im Geruch als hier eine „Wohnung“.

30. Oktober 1941

Gestern kam unser alter Waffenmeistergehilfe wieder. Auf der Höhe 92,6 vor Kotly, wo Major Schwarting fiel, war Bartels an Ruhr schwer erkrankt. Er kam ins Lazarett und landete schließlich in der Gegend von Narwa in einem Genesungsheim, wo ihn estnische Schwestern umtäschelten. Nach einigen Rückfällen und mit noch nicht vollständig gesunden Eingeweiden kam Ernst Bartels gestern wieder. Man begrüßte ihn freundlich. Schließlich ist ein Wiedersehen fast immer eine Freude. Nun ist er erst einmal zum II. Zug, um dort die Waffenmeisterdienste zu tun.

Die Nächte werden jetzt immer kälter. Das Wasser ist jetzt schon an vielen Stellen trotz Mistumkleidung in den Leitungen dicht gefroren. Am Morgen stehen hier schon ohne UvD–Wecker welche auf, nur um Feuer im Ofen zu machen. Es wird höchste Zeit, daß unsere Bunker fertig werden.

Nachmittags beim Schanzen griffen Ratas und andere Flieger die Straßengabelung Narwa – Petersburg – Peterhof an. Interessant war die Beobachtung. Nachdem ein paar Bomben fielen, schossen sie mit Bordwaffen. Unsere Jäger kamen natürlich dann, als die Ratas längst verschwunden waren.

Vorläufig bleibt Oberleutnant von Kempski noch Kompaniechef bis man ihn eben abruft. Ltn. Münstermann steht bereit, sofort die Kompanie zu übernehmen.

Heute Nachmittag vollbrachten wir den Höhepunkt beim Bau unseres Bunkers. Ein riesiges Ungetüm von Stein wälzten und asteten wir aus der Tiefe des Bunkers bis auf die Erdoberfläche. Stangen, Balken und die Muskelkraft, insbesondere von Günther Wenkel, waren die Grundlagen dieser Tat.

31. Oktober 1941

In unserem Haus sind außer den mäuslichen Haustieren jetzt auch Ratten eingezogen. Brot und Verpflegung muß deswegen in die Kartuschenkisten gelegt werden. Gestern abend stellte man wieder Läuse fest. Somit ist der zoologische Garten bis auf Flöhe und Wanzen vollständig vertreten. Der Köter „Wodka“, der uns hier einige Tage durch seine Anwesenheit beehrte, ist jetzt verschwunden. Somit liegen unter unseren Betten keine Hundehaufen mehr!

Heute Mittag gab es Gulasch. Ein paar Stückchen Fleisch und einige Kartoffeln schwammen in sehr viel Tunke, die mindestens aus 95 % Wasser bestand. Beim Nachholen wurde man abgeblitzt. 11 Pioniere wurden mit verpflegt. Es dürfte klar sein, daß man bei dieser Kälte und der Arbeit satt zu essen haben muß. Es ist merkwürdig, daß in unserer Kompanie das trotz zweier Feldküchen bis jetzt noch nicht durchgeführt wurde. Häufig schiebt man Kohldampf, mit dem Brot kommt man auch nicht aus. Dieses Bild ist aber für unsere Küche bezeichnend. Gestern abend gab es warme Verpflegung, außer einigen Kartoffeln und etwas Grünem bestand das Essen nur aus heißem Wasser. Allerdings war der Tee mit Wodka sehr schön.

Und nachdem wir den letzten großen Stein schon aus der Tiefe des Bunkers hatten, stürzte die eine Seite ein. Durch den Frost entstanden Risse, die den Erdrutsch verursachten. Völlig demoralisiert nahmen wir die weitere Arbeit auf. Schon wollten wir das Innengerüst einsetzen, den Ofen einmauern, als das Unglück geschah.

Günther Wenkel sind heute seine Handschuhe von einem Russen gestohlen worden. Auch darüber war er sichtlich vergrellt, was man verstehen kann. Morgen früh will er nun mit zum Gefangenenlager und den Betreffenden aus der Masse suchen. Hoffentlich findet er den Lumpen. Mit einer Fahrerepeitsche will er ihn bearbeiten. Das wird diesem faulen Hund, der vor Dreck strotzte, einmal gut tun.

Sonst hatten wir heute zwei Russen zum Arbeiten, die etwas intelligenter aussahen. Sie waren zum Unterschied gegen die anderen sauber und rasiert. Auch ihr Zeug war augenscheinlich rein. Diese beiden gaben noch Zeichen des Dankes über das Mittagessen von sich. Auch verabschiedeten sie sich militärisch und damit anständig.

Trotz des Schneefalls ist die Temperatur heute höher als an den Vortagen. Das ist vor allem beim Arbeiten draußen angenehmer.

Post hat es nun bereits zum zweiten Male nicht gegeben; das ist nicht sehr erfreulich. Zum Ausgleich wird jetzt tüchtig mit den Karten gekloppt.

Windisch ist heute zum Waffenmeisterlehrgang kommandiert, während Leper (?) wieder hier eintraf. Er war einige Wochen beim Divisionswaffenmeisterzug zur Ausbildung am IG.

Heute gab es zur Verpflegung Wodka. Deshalb ist die Stimmung heute enorm. Man hört aus den Landserkehlen die Schlager, die man im letzten Winter in Belgien hörte, Lieder, die Soldaten erfreuen, kurz eben, Gesänge, die durch russischen Wodka ausgelöst werden. Die Karten heben die Stimmung zusätzlich. Momentan höre ich: „Auf der Reperbahn nachts um halb eins...“ Man singt und trinkt und mischt die Karten im Volke der „Eden“. Der eine heißt nur „Ede“, ein anderer nennt sich „Kaschubenede“, ein dritter hört auf „Maluseede“. Es läßt sich denken, daß man in solch einem Haufen Stimmung vorfindet.

01. November 1941

Der Dienst beginnt heute morgen später. Oberleutnant von Kempski will sich heute morgen von seiner Kompanie verabschieden. Wir standen und warteten und froren. Schließlich gab Hauptfeldwebel Jüchter die Beförderung von Lindemann, Riebeling und Tiefenhoff zum Gefreiten bekannt. Die herzlichsten Glückwünsche zur Beförderung an die drei!

Beim Bunkerbau hatten wir heute tüchtig Gefangene. Die Erdarbeiten sind im Großen abgeschlossen. Jetzt werden die Gerüste montiert. Aumann wird jetzt vom Tischler zum Zimmermann.

Aber Walter Neuhoff und Paul Rodenberg ist heute ein Russe ausgekniffen. Dieser eine war austreten gegangen und hatte anschließend das Weite gesucht. Auch dem wünschen wir viel Glück.

Günther Wenkel hat seine Handschuhe wieder. Der Russe ist tüchtig vermöbelt worden. Anschließend sperrte man ihn in einen Bunker. Vielleicht wird er noch erschossen. Wenkel ist jedenfalls froh, daß er seine Handschuhe wieder hat.

Der Abend brachte uns noch einen blinden Feueralarm, der aber ruhig verlief. Man hörte die Handsirene nur an den wenigsten Stellen. Stahlhelme und Schanzzeug waren auch nur teilweise vertreten. Der Alarm störte aber die abendliche Ruhe.

Obergefreiter Köhn hat bereits den Befehl bekommen, einige Schilder zu malen, auf denen man „Einheit Ltn. Münstermann“ lesen kann. Früh übt sich, wer ein Meister werden will.

02. November 1941

Abend ist große Entlausung. Man sieht Hemden, Pullover und Röcke nach. Manche „52 Tonner“ findet man. Aber unsere „Pak“ knackt jeden. So hat man am Abend seine Sorgen.

03. November 1941

Am Morgen weckte uns außer der Kälte und dem UvD auch das Gebumse von Artilleriefeuer. Der Russe war wohl wieder frech geworden. Einige von uns waren heute zur Entlausung. Hoffentlich ist ihnen die Plage jetzt fern!

04.November 1941

Mittlerweile steht das Gerüst in unserem Zugtruppbunker. Durch die fachmännische Arbeit von Aumann ist alles an Verstrebungen und Balken so mit einander verzapft und vernutet, daß sich das Gerüst ohne Nägel und Bauklammern hält. Gestern nachmittag gelang es bereits den größten Teil der Deckenverschalung unter zu nageln. Leider sind die zur Verfügung stehenden Holzvorräte erschöpft. Man muß erst wieder Holz fahren.

Die Nächte sind jetzt so kalt und klar, daß die bläulich schimmernde Schneelandschaft im Mondschein für den Landschaftsbewunderer ein Genuß ist. Und in diesem Bild vernimmt man auch, durch den Frost bedingt, das ferne Tönen der Front. Und diese ist wieder lebhafter geworden. Der Russe soll mit Kavallerie angegriffen haben. Selbstreden wurde er abgeblitzt. Bei den russischen Luftangriffen hatte die Flak gestern auch eine Apparat herunter geholt. Seit Langem einmal, daß die Flak traf.

Schon einige Tage erzählt ein Landser dem anderen, daß der erste Urlauberzug am 15. November morgens um 3.00 Uhr von hier abfahren soll. Täglich sollen sogar 6 Züge der Heimat zu rollen. Ich nehme an, daß das ein übliches Gerücht ist, wie die Ablösungsgerüchte es auch sind.

05. November 1941

Noch gestern abend trat Kunibert (Rodenberg) mit dem Fuß in eine Bauklammer. Diese drang durch Stiefel und Strumpf bis in seinen Fuß hinein. Dadurch hat er Schmerzen und ist gefechtslahm gesetzt. Stabsfeldwebel Wurts (?) ist wegen Schlüsselbeinbruch ins Lazarett gekommen. Er soll alkoholisch angehaucht eine glatte Stelle passiert haben, wobei er sich diesen Bruch zuzog. Ebenfalls hielt gestern ein Oberarzt im Pferdestall uns einen Vortrag über Gesundheitsschäden und Krankheiten, die einem besonders in Rußland erwarten. Von den Kohlenmonoxydvergiftungen und Tollwut und Fleckfieber, Pest, Ungeziefer landete er bei den Geschlechtskrankheiten. Sehr anschaulich legte er die Dinge dar.

Der Bau unser Bunker macht beträchtliche Fortschritte. Man verschalt kräftig. Öfen werden eingebaut und man legt Bäume um für die Deckung. Hoffentlich können wir bald dort in dem Bunker einziehen.

Das Abendbild gestaltet sich heute wie die anderen Tage auch. In den klaren Frostnächten beim Mondschein hört man das Summen unserer Flieger. Man sieht sogar ihre Kondensstreifen. In den Wolken sieht man auch die Lichtbündel der sowjetischen Scheinwerfer. Und wie rotgelben Sterne leuchten die Flakgranaten im winterlichen Himmel. Aber das Summen und ferne Dröhnen und Krachen von Flak und Bomben werden wir wohl wieder einmal eine ganze Nacht lang hören. So hoffen wir uns es wenigstens. Oft hofften wir ja schon, aber das große Aber.....

06. November 1941

Heute schaffte es beim Bunkerbau wieder tüchtig. So sind jetzt in unserem Zugtruppbunker der Fußboden, die Wandverschalung und die Decke fertig. Der Ofen, bzw. Herd, stehen auch schon. Ein Kriegsgefangener hat uns den getöpfert, es brachte ihm selber Spaß. Am Abend hörte man wieder das Gedonner der russischen Flak und das Summen unser Nachtbomber!

07. November 1941

Gestern abend machte man noch viel Tam–Tam. Erst war blinder Feueralarm. Und dann nach 22.00 Uhr noch machte man uns klar, daß heute am 7. XI. ein Feiertag der Bolschewisten ist, an dem sie einen Angriff planten. Im Hinterland wollten Partisanen Sabotageakte durchführen. Deshalb war Alarmstufe I befohlen. Die Posten wurden verdoppelt. Es ereignete sich, wie ich bis jetzt hörte, nichts.

Heute morgen war ich mit zum Flugplatz zum Holz holen. Ein Hauptmann der Artillerie machte uns Schwierigkeiten. Deshalb wurde es nicht die beste Bretterernte. Es war aber eine verdammt kalte Partie.

Günther Wenkel und ich mußten heute zum Kompaniegefechtsstand kommen, wo sich Ltn. Alsen als Kompanieführer betätigte. Mit einigen Begleitworten überreichte er uns das „Vorläufige Besitzzeugnis des Infanterie–Sturmabzeichens“. Wir beide sind die einzigen des Zuges, die es bekamen. Weshalb man es uns gab und den anderen, die dasselbe mitmachte, nicht, weiß ich nicht, Die Rückfahrt mit einem offenen Protz-kw war durch Kälte gekennzeichnet.

Beim Kompanietrupp hörte ich noch neue Kompanienachrichten: Uffz. Karl Walther ist O.A. (Offiziersanwärter) durch Oberleutnant von Kempski geworden. Ein Zeugnis soll er haben, das nicht besser sein kann. Nun soll er in der Truppe befördert werden, da Döbritz keine O.A. mehr annimmt.

Ltn. Münstermann ist, wie ich hörte, in einem Kursus der Führerreserve. Günther Wenkel hörte, daß er zur Erholung hinten sei. Was nun zu trifft, weiß ich nicht. Man sieht Münstermann aber hin und wieder hier.

08. November 1941

Die Holzholer heute erlebten auf dem Flugplatz mit dem Hauptmann, der uns neulich bereits Schwierigkeiten machte, ein besonderes Drama. Gerade wollten sie mit dem beladenen Wagen fortfahren, als der Hauptmann erschien. Dieser ordnete an, daß die Wagen sofort abgeladen werden müßten. Er duldete nicht mehr, daß aus seinem Revier Holz abgefahren wird. Nachdem nun die Wagen leer waren und die Holzholer sich anschickten die Heimreise ohne Ergebnis anzutreten, gab der Hauptmann seinem Herzen einen Stoß und die Wagen wurden wieder beladen. Mehr oder minder verstimmt gingen unsere Holzfahrer dann in Richtung Krasnoje Selo.

Die Fahrzeugwache, die unser Zug hier dauernd stellt, wurde heute mit einem MG–Posten, der feindliche Flieger beschießen soll, verstärkt. Provisorisch montierte man an einen Baum mit Hilfe eines Strickes das MG fest. Nur um einen höheren Befehl auszuführen wird der Posten noch mit aufgestellt.

Die Wache selber ist ziemlich kühl. Von „kalt“ darf man in Rußland vielleicht erst im Januar sprechen. Man holt sich kalte Füße, Hände und sonstige Körperteile, die der Witterung besonders zugänglich sind.

09. November 1941

Gestern abend soll der Führer in München gesprochen haben. Leider erfahren wir bis jetzt nur von der Rede, daß er gesagt haben soll, daß noch vor Ausbruch des Winters der Krieg im Osten in den Zustand gebracht wird, daß man nur noch eine Linie zu besetzen braucht.

Am heutigen Sonntag war sonst nichts, daß auf den nationalen Feiertag hinwies.

10. November 1941

Heute sah ich einen Gefangenen, der in der Schneelandschaft mit heruntergelassener Hose nach seinen Insassen in seinem paterrigen Urwald suchte. Mit mehr oder minder viel Wohlbehagen ließ er seine Gäste in den Schnee fallen. Ein selten komischer Anblick.

11. November 1941

Nachdem vorgestern noch etwas Tauwetter war, wurden heute morgen –26° gemessen. Bei dieser Kälte ausgerechnet war ein Holzholkommando unterwegs, ich hatte die „Ehre“ daran teilzunehmen. Ein Vergnügen war es nicht.

12. November 1941

Die Lichtleitung zu unseren Bunkern wurde heute von Hesing und Classen in Angriff genommen. Morgen sollen wir einziehen, nachdem wir einen Besuch in der Entlausungsanstalt gemacht haben. Am abend wieder die rollenden Angriffe auf Leningrad.

13. November 1941

Vormittags besuchte der Zugtrupp und die I. Bedienung die Entlausungsanstalt. Dort wird man am laufenden Band durchgeschleust, man zieht sich aus, gibt seine Kleider ab, die mit Nummern versehen werden. Dann duscht man und wäscht sich ordentlich unter den feldgrau angestrichenen Brausen. Und nachdem man sich mit einem Kreppapier abgetupft hat, wird man an besonders verlausten Stellen mit einem Pinsel bearbeitet. Man empfängt dann einen Trainingsanzug und wartet im Aufenthaltsraum darauf, bis die betreffende Nummer aufgerufen wird, man schlüpft in die heißen, entlausten Klamotten, nimmt Stiefel und Decke und ist entlaust. Dieser Prozeß dauerte 3 Stunden. Tagelang riecht man noch „entlaust“ von dieser Pinselbearbeitung. Aber die Hauptsache ist doch die, daß dieses Ungeziefer fern vom eigenen Körper ist.

Am nachmittag zogen wir dann in unseren Bunker ein. Die behagliche Wärme des Bunkers, die weißen Wände, die guten Betten, die schönen Tische, der ordentliche Ofen, kurz, eine anständige Behausung. Warm, sauber, gesund. Und dieser beglückte uns direkt. Wir saßen in unserem Bunker und bestaunten immer wieder unsere Arbeit, die manchen Schweißtropfen und schon manchen kalten Fuß gekostet hat.

14. November 1941

Die Nacht war in unserem neuen Heim ein Genuß. Die Holzwolle war ja manchen etwas hart, aber keiner fror. Man schlief wie bei Muttern.

Neuhoff hatte seinen Ärger heute mit einem Gefangenen, der ihm auskniff. Auf dem Wege zum Gefangenenlager hat er ihn wieder geschnappt. Neuhoff hat den Russen aber dann so bearbeitet, daß man den Russen in das Lager tragen mußte.

Classen und ich mußten heute abend die neue Leitung anschließen. Nun brennt unser Bulldog–Licht auch in unseren Bunkern.

Lüdemann beglückte uns gestern abend wieder mit Pferdehack. Dies war uns wieder ein besonderer Segen.

15. November 1941

Keine besonderen Vorkommnisse.

16. November 1941

Hein Flint, Kurt Schuhmann, Hermann Dickmann, Brandt–Sassen, Berlick, Martin Fengewisch und noch viele andere kamen heute wieder hier bei der Truppe an. Man kann wohl sagen, daß die allgemeine Freude recht groß war. Feldwebel Eberhardt, der Hein Flint hat sich recht nett erholt, Walter Baumrich soll erst Mitte Januar zum Ersatztruppenteil kommen, wie Hein Flint sagt. Auch Martin Fengewisch, der wieder in den zweiten Zug gekommen ist, machte einen erholten Eindruck. Und Kurt Schuhmann ist jetzt in der Schmiede. Hermann Dickmann ist wieder Fahrer bei uns. Die neuen Ersatzleute, die vor einiger Zeit zu uns kamen, sollen wieder abgeschoben werden.

Heute war außerdem eine Nachfrage über die Schulbildung der einzelnen. Man wollte Leute suchen, die als O.A. in Frage kommen.

Die Fahrzeugwache hat heute auch aufgehört. Aber man beglückt uns gleich mit anderer Wache. Ohne geht es doch nicht.

17. November 1941

Ohne besondere Vorkommnisse

18. November 1941

Uffz. Walter, der O.A. soll jetzt vom IV. zum II. Zug als R.I. kommen und Martin Fengewisch kommt in unseren Zug. Das sind die neuesten Nachrichten. Außerdem gab es heute die zweite Spritze gegen Cholera, 1 cm3

19. November 1941

Heute hatte ich einen Gefangenen beobachtet, der vielleicht einer ist von den Hunderten, die dem Tode geweiht sind.

Er sollte erst Holz sägen, war aber zu schlapp, und Erde auf einen Bunker werfen konnte er auch nicht. Da wurde er mit Fußtritten gewaltsam auf das nötige Tempo gebracht. Jedoch er fiel um. Im Schnee bei über 20° Kälte lag er und erholte sich etwas. Er konnte in einen Bunker gehen und strebte dem Warmen, dem Ofen entgegen. Vielleicht war er so durchgefroren, daß er reichlich übermütig die Richtung auf den Ofen einschlug. Jedenfalls fiel er über den Ofen und blieb auf ihm liegen. Eine Hand verbrannte er dabei vollständig. Man zerrte ihn vom Ofen und legte ihn im Bunker auf den Boden. Sein Kopf lag auf ein paar Stückchen Holz. Seine verbrannte Hand wurde in einen Verband gehüllt. Aber man hörte das leise Stöhnen von ihm. Nur ganz langsam sah man ihn atmen. Sonst regte er sich nicht. Inzwischen aber kam die Zeit, da die Gefangenen wieder ins Lager sollten. Man zerrte ihn aus dem Bunker. Dabei aber, durch die plötzliche Bewegung wohl bedingt, leerte er den Inhalt seiner Därme in seine Hose hinein. Unglücklicherweise streifte die Hose durch das Herauszerren tiefer als man sonst zu tragen pflegt. Sein Unterleib, der wahrlich mager war, lag in Blut und Kot in Plünnen und Tüchern seiner Leibwäsche. Und wenn man sonst von Sterbenden zu sagen pflegt, daß deren Augen noch bis zuletzt den Ausdruck des Lebens zeigen, so war dieser, nach seinem Blick zu urteilen, schon längst nicht mehr auf dieser Welt. Blind starrten seine Augen ins Leere. Und in seinem Gesicht erkannte man den Schimmer einer blau–grünen Farbe. Längst war er dem Tode geweiht, nun aber starb er. Andere Russen, von deut-schen Landsern gezwungen, nahmen den noch atmenden Leichnam und trugen ihn in seinem Mantel zum Lager. Eine Spritze wird ihn wohl zu einem baldigen, vollständigen Ende verholfen haben.

Aber beim Lesen dieser Zeilen soll man sich immer vor Augen führen, daß in dem großen Krieg (1914–1918) in Sibirien über 200.000 deutsche Soldaten starben. Vielleicht noch viel leidensvollor, viel qualvoller, als dieser eine Russe, der aber auch nur einer von vielen ist.

Rußland, ein Land voller Grausamkeiten will auch grausam behandelt sein.

20. November 1941

Als ich heute morgen meinen UvD–Gang beendet hatte und an einer Stube vorbei kam, auf der ein Radio spielte, da blieb ich stehen. Die Tanzmusik nach deutscher Art, gewann mich bald ganz. Vergessen waren die Sorgen des Alltags, vergessen war der Krieg und im Träume sah man Bilder der Vergangenheit, Bilder der Zukunft folgten bald. Man war im Kreise seiner Anverwandten, man war glücklich, man hatte keine Entbehrungen mehr zu ertragen, kurz, man war im tiefsten Frieden. Gerade übertönte das Saxophon die übrigen Instrumente, da war in den tiefsten Frieden jene Milde eingetreten, die man früher einmal haßte. Nun aber setzten die Geigen wieder stärker ein. Der Traum wurde lebhafter und plötzlich dachte man wieder an das Bittere, das der Krieg nun einmal mit sich bringt, man dachte wieder an die Pflicht. Und während ich weiterschritt und die Musik allmählich leiser wurde bis sie ganz verstummte, da hörte man wieder jenes ferne Grollen der Geschütze, das einem augenblicklich vertrauter ist, als es die Wirklichkeit des Traumes wäre.....

Martin Fengewisch, Klintwerth (?), Rüschmann und Miksch haben sich nun hier eingefunden. Günther Wenkel und Hilgers sind bereits fort zu ihren neuen Zügen. Eisenschenk, der Mann, der kein Ruhmesblatt ist, sitzt erst noch seinen fünf Tagen verschärften Arrest ab. Ich spiele wieder R II, nachdem ich ein Vierteljahr den Posten als R I ausfüllte und wie annehme, auch erfüllt habe.

Peters hat jetzt –man kann ruhig sagen– einen Fimmel. Mit Eisparpulver und rote Rübensuppe, Puddings, Mehl und anderen Dingen „Dr. Oetkert“ er sich manches zusammen. Aber dennoch liefert er nur Delikatessen.

21. November 1941 – 22. November 1941

Keine nennenswerte Vorkommnisse. Nichts von Bedeutung.

23. November 1941 (Vor einem Jahr kam er aus Belgien auf Urlaub)

Heute hörte man vom Tode Udets und Mölders. Ebenso kam uns der Fall Rostows zu Ohren. In der Kompanie ist man jetzt bemüht, Schilderungen des Ostfeldzuges zu sammeln, ebenfalls Bilder. Die vier Themen des ersten Zuges soll ich schreiben. Das Elektrizitätswerk, das vierte Thema, wird mir auf Grund dieses „Schmökers“ besonders leicht zu schreiben sein. Sind doch die besonderen Ereignisse laufend eingetragen. (Den diesbezüglichen Kompaniebefehl lege ich bei.)[Der Befehl hat sich jedoch nicht bei dem Manuskript befunden.]

Unser Bunker geht jetzt der Vollendung entgegen. Das Wetter ist etwas milder geworden, so ist die Arbeit draußen nicht so ungemütlich.

Gestern bekamen wir zum letzten Mal gefangene Russen zum Arbeiten. Jetzt müssen wir alles selber machen. Die Abende sind jetzt schon besonders lang. Um vier Uhr wird es dunkel und um 8.00 morgens ist es noch nicht richtig hell. Der Himmel zeigt nachts des öfteren einen rötlichen Schimmer in Richtung Leningrad. In mancher Nacht spricht unsere Artillerie auch ein gewichtiges Wort.

Quellenangabe:
Gerhard Friedrich Dose (geb. am 28. Mai 1924) hat die handschriftlichen Aufzeichnungen seines Bruders übertragen. Weitere Infos und Fotos finden sie hier: http://www.collasius.org/ZEITZEUGEN/1941-00-dose/41dose00.htm
Ergänzt mit zwei Berichten aus der Soldatenzeitung „Front“ von Kriegsberichter Dr. König.



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