| 24. November 1941:
Hesing war heute zur Zahnstation. Seine Backe war stark geschwollen. Der Arzt hat ihm gleich zwei Backenzähne gezogen an denen große Eiterbeulen hingen. Hoffentlich hat er nun keine Schmerzen mehr.
Die Berichte für die Kompaniegeschichte sind eifrig im Entstehen. Einwände würden durch Oberfeldwebel Müller auch schon erhoben. Ihm paßt es nicht das Grauenhafte des Krieges auf dem Papier lesen zu müssen. Auch mag er nicht vom Rückzug hören, den wir zwischen Kerstowo und Kikeritzi machten. Schön findet er aber, wenn man schreibt, daß die Landser Johannisbeeren pflückten und essen, während ihre Schritte feindwärts eilen. Warum soll der Krieg nur von der feuchtfröhlichen Seite geschildert werden?
25. November 1941
Heute kam so ein Sowjetflieger hier zu uns, um einmal hier nach dem Rechten zu sehen. Unsere vielen MG–Posten, die dauernd stehen, brachen sich dabei gewaltig einen ab. Der eine hatte Ladehemmung, der andere bekam seine Plane nicht vom MG und der dritte schritt irgendwo im Gelände umher, zu spät ist sein Eilen zum MG.
26. November 1941
Gestern gab es wieder einen cm3 gegen Cholera. Man merkt gottlob nicht viel davon.
Unser Bulldog ist ja schon einige Zeit kaputt, teils durch Frost und teils durch die gute Behandlung, die man ihm zukommen läßt. Jetzt hat man so einen Russenmotor irgendwo vorne aufgegabelt, der den Generator treiben soll. Bin ja gespannt, wie das funktioniert. So viel Vertrauen habe ich nicht.
27. November 1941
Heute gab ich die Bilder (152 Stück) ab zur Kompanie. Das Kompaniealbum will man ja zusammenstellen. Ich ließ bestellen, daß ich darum bitte, möglichst schonen mit den „22 RM“ (Reichsmark) umzugehen. Aber man stürzte gleich wie dir Raben darüber her, wie man mir berichtete. Jeder grabbelte toller als der andere. Man will je gern dazu beitragen, die Kompaniegeschichte zu illustrieren, aber man ebenfalls seine Erfahrungen. Entgegenkommen wird einem ja nicht geboten. Als wenn man dienstlich fotografiert hat, so kommt mir die Behandlung vor. Schon jetzt weiß ich, daß die Bilder reichlich vergrabbelt zurück kommen. Vielleicht fehlen dann sogar welche. Na, wir werden ja sehen.
Meine Berichte zur Kompaniegeschichte machen große Fortschritte. Hoffentlich ist den Zusammenstellern mit meiner Arbeit gedient. Alle wollen ja nicht die großen Tatsachen lesen. Aber das ist nun einmal Krieg und den soll jeder kennen lernen, auch in Berichten. Der Film „Douaumont“ hat auch seine Wirkung getan. Warum soll es denn nur „Etappenhasen“ geben?
Jetzt läuft hier das Gerücht, daß wir in der ersten Dezemberwoche den I. Zug ablösen sollen. Morgen soll die Bunkerabnahme für den Wettbewerb sein. Unsere Besatzung legt weniger Wert darauf. Auch hörte man heute vom Arzt durch andere, daß dieser gesagt haben soll, daß es unter Umständen vielleicht möglich sei, wenn alles klappt soll es eventuell Urlaub – Urlaub geben. Geben wir der Hoffnung Ausdruck.
Unsere Bunkerkameradschaft hat heute durch Hesing einen Knacks bekommen. Er tanzt auch immer allein umher. Günther Wenkel fehlt ihm wohl. Er hat all seinen Kram für sich. So fanden wir heute bei der Verpflegungsausgabe 1 ¾ Brot bei ihm, zumal jetzt Brotknappheit herrscht und man nicht auskommt. Da dürfte das wohl eine ziemliche Unkameradschaftlichkeit sein.
Aber leider Gottes ist tatsächlich die Brotknappheit so, daß nur einige ohne knurrenden Magen ins Bett gehen. Eube (?), unser Koch, sorgt nicht zur Genüge für seine Schafe. Deshalb ist Brot ein begehrter Artikel.
Draußen am Himmel leuchtet der Horizont vom Feuer. Irgend ein Ofen wird wohl wieder überheizt gewesen sein.
Piet ist nun schon tagelang damit beschäftigt in einer Tour Pfannkuchen von seiner Type 812 zu braten. Oft serviert er uns auch einen Pudding, gebraut mit allen Raffinessen der modernen Chemie. Mit Eisparpulver, Zitronenöl, Vanillegeschmack, der besagten Mehltype 812 und anderen zutaten zaubert auf dem Ofen im Bunker die leckersten Dinge der Welt. Seine spätere Frau wird er wohl des Sonntags vom Puddingkochen verjagen. Momentan beugt es sich sitzend über den Herd. Sein Ziel ist, ein möglichst guter, schmackhafter Pfannkuchen bei niedrigen Fettverbrauch.
Auch hörte ich, daß Ltn. Münstermann den Unteroffizieren in Urisk Unterricht über Mathematik und Literatur erteilen will. Besonders Mathematik wäre ein gefundenes Fressen für mich. Hoffentlich kann Münstermann dann auch einmal über die Differentialrechnung und die sphärische Trigonometrie unterrichten.
Oh, jetzt dringt der Duft von Peters Pfannkuchen in meine Nase, das Wasser läuft mir im Munde zusammen...
28. November 1941
Keine Besonderheiten
29. November 1941
Der Wind steht heute besonders stark von Nordwest, er bringt viel Wärme mit. So taut es jetzt hier. Auf unserem Bunker ist der Schnee geschwunden. Ganz warm kommt es einem vor, man ist mehr Kälte gewöhnt.
30. November 1941 1. Advent.
Heute ist Sonntag der 1. Advent. Das Wetter ist wieder kalt geworden. Der Wind drehte über Nacht, jetzt weht es kalt aus Nordosten.
Aber über unserem großen Tisch hängt ein Adventskranz. Walter Heinz fertigte ihn aus Edeltanne, Draht, etwas Litze und rotem Band. Kerzen sind nicht an ihm. Aber der Geruch von ihm und sein Bild lassen weihnachtliche Stimmung aufkommen.– – –
Bunkerbesichtigung war auch. Ltn. Alsen an der Spitze des gewaltigen Komitees bemusterte unser „Paradies der Junggesellen“. Wir wollten nur nicht aus der Reihe tanzen, so taten wir doch noch etwas an unserem Bunker.
Als schönstes Adventsgeschenk gab es heute abend viel Post. Für unseren Zug (23 Mann) einen ganzen Sack voll. Da war die Freude besonders groß.
01. Dezember 1941
Heute feiern wir, das heißt die Althamburger wie Peters, Bartels, Dickmann und meine Wenigkeit, unser zweijähriges Soldatenjubiläum. Ja, da gibt es viel zu denken. Das hätte man wohl nicht gedacht, daß man jetzt vor Leningrad sitzt und Tagebuch führt, das noch lange nicht voll ist.
02. Dezember 1941
Die Feldgendarmen wirkten heute bei uns in der Kompanie. Über 100 Brote fehlen in der Küche. Auf welche rätselhafte Art und Weise die Brote abhanden gekommen sind, das weiß Gott. Jedenfalls besuchten die Feldgendarmen unseren Bunker. Bei dieser Gelegenheit verschwand mein Rechenschieber.
03. Dezember 1941
Endlich traten wir heute den Marsch nach vorne an. Den II. Zug ablösen. Der Wind wehte frisch über die Fläche, so daß man ordentlich dagegen mußte. Es war gerade kein Vergnügen mit all den Klamotten durch die Prärie asten. Gottlob war der Bunker einem gleich Heimat.
04. Dezember 1941
Heute fanden wir uns ganz groß ein in das Drum und Dran der neuen Stellung. Ziemliches Schneetreiben behinderte die Sicht. Wir sollten uns auf einen Bunker einschießen, aber wir fanden die Schüsse in der Schneelandschaft gar nicht. So fiel das Ergebnis des Einschießens zur negativen Seite aus.
05. Dezember 1941
Das Thermometer zeigte heute morgens –15° C. Der Wind war aber nicht, so kam einem das Wetter nicht so kalt vor. Heute diente der Tag zum Leitungsbau zur 9. Kompanie, wo wir so eine Art VB einrichteten. Gegen Mittag setzte er (der Russe) hier einige Wurfgranaten in die Gegend, wobei unsere Leitung gestört wurde. Martin Fengewisch und ich nähten uns weiße Überzüge für unsere Mützen. Gegen Abend versuchte Paul Römann unsere Stimmung durch Klavierspielen zu erhöhen. Und ich muß sagen, so einige Töne bewegen einen doch das Herz.
06. Dezember 1941
Nichts von Bedeutung.
07. Dezember 1941
Heute setzte der Russe uns mit einem Granatwerfer genau einen vor unseren Bunkereingang. Und das noch bei einer Kälte von –24° C. Unsere Fensterscheiben gingen dabei leider zu Bruch. Kurt Hesing mußte Leitungen flicken. Er hat schwer zu tun.
08. Dezember 1941
In der letzten Nacht hat es stark geschneit. Da hat man ordentlich Arbeit. Die ganzen Gräben sind zugeschneit. — Die 269.Division ist hier herausgezogen worden, um bei Tidwin (?) neu eingesetzt zu werden. So muß der II. Zug jetzt eine neue Feuerstellung beziehen. Feldwebel Henneike setzte heute vier Volltreffer in eine Russen–B–Stelle.
09. Dezember 1941
Am Tage wird geschossen und nachts geben wir Störungsfeuer. So sieht jetzt ein Tag nach dem anderen aus. Sonst nichts Besonderes.
10. Dezember 1941
Schneetreiben und etwas Wind. Gegen Abend stärkeres MG–Feuer vom Russen.
11. Dezember 1941
Die letzte Nacht hatte der Russe zu wirken versucht. Dabei räucherte er bei der 11. Kompanie einen Bunker aus, tötete dabei 2 Mann und machte einen Verwundeten (Bauchschuß). 1 Mg und 1 MP hat der Russe noch mitgenommen. — Gestern abend soll der Russe genau wie in der Morgendämmerung unsere alte Stellung am Turm angegriffen haben. Natürlich ist er abgeblitzt. Und heute hat man uns so halbwegs alarmiert. Beim I 200 hat jemand Gespenster gesehen. Daraufhin hat unsere Kompanie einen Feuerschlag auf I 207 und dahinter gelegt. Das erste Wort der Führerrede löste den Feuerschlag aus.
Jetzt ist auch Japan im Krieg drin. Und Amerika steht im offenen Kampf gegen uns. Das mußte ja kommen. Gottlob hat der Japaner dem USA–Leuten gleich ordentlich welche auf den Hut gesetzt. So einige Schiffe hat der Amerikaner dabei schon verloren.
Die heutige Führerrede sagt uns vom gemeinsamen Kampf Deutschland, Italien und Japan gegen Amerika. Ja, ein Weltkrieg ist da!!!
12. bis 14. Dezember 1941
Das Wetter ist jetzt verdammt kalt. –23° C sagt die Barbarameldung meistens. Und nachts ist immer die übliche Piedelei mit Gewehren, MGs und Granatwerfern. Bei Tag ist es ruhig. Man lebt seinen Tag. — Die Verpflegung ist momentan allerdings dürftig. Es gibt viel Kohldampf. Sonst aber nichts von Bedeutung.
15. Dezember 1941
In der letzten Nacht hat der Russe angegriffen. Beim III. und I. Bataillon war er in unsere Stellung eingedrungen. Auf unserer Seite waren leider Gottes einige Tote und Verwundete zu beklagen, im Abschnitt der 11. Kompanie liegen dafür alleine etwa 100 tote Russen neu vor den eigenen Gräben. Da vergeht dem Russen hoffentlich die Lust zu weiteren Angriffen. Jedenfalls die 100 toten Russen können keinen Angriff mehr machen.
Kunibert (Rodenberg) ist heute zum Troß abgedampft. Er war sehr froh darüber, endlich seinen Wunsch in Erfüllung zu sehen. Südbeck soll dafür nach Weihnachten zu uns in den Zug kommen. Er hat ja diese Brotaffaire über sich ergehen lassen müssen, mehr oder minder zu Recht oder Unrecht, ja, wie man denkt oder meint.
So einige erhielten jetzt das EK. Bei uns im Zug bekam es Müllerstedt, endlich hat er es als guter Soldat bekommen, ihm stand es längst gut zu Paß. Und weiter dünkt sich Uffz. Kleinecke, der neue R I im II. Zug bei Feldwebel Duis (?) mit diesem Orden. Oest, Lönl, Warnecke und Ltn. Alsen schmückt auch das EK. Wofür Ltn. Alsen es bekam, bleibt mir ein Rätsel.
Und am Abend des 15. XII. ist die Front wieder unruhig. Die Infanterie hat Feuer bei uns angefordert. So setzten wir, nach der Freigabe der Munition durch Ltn. Münstermann, 12 Gruppen in die Gegend der westlichen Straßenbahn.
16. bis 19. Dezember 1941
Jetzt sollen wir mit Gewalt unsere neue Feuerstellung beziehen, unsere neue B–Stelle aufsuchen. Aber Feldwebel Müller setzt ordentlich Druck dahinter. Die Stellung hier bleibt Stellung und das Auge wendet sich bereits einige hundert Meter südlicher, um gleich mit den nötigen Grundlagen in den neuen Raum einzurücken.
Aber am Abend des 19. XII. bleibt das nach. Der II.Zug muß Stellungswechsel zu 209 machen, weil die 13./209 zu dem Skibataillon gekommen ist. So muß jetzt von 220 und 154 je ein IG–Zug und der KG–Zug zu 209, um die Artillerie des kleinen Mannes dort zu ersetzen.
Heue Morgen hatte ich ein grausiges Erlebnis. Es ging mir besonders nahe. In den Tagen des Angriffs empfand man das Sterben eines Landsers nicht so wie jetzt. Ja, der Tod ist doch etwas Anderes, etwas Besonderes, je etwas Großes. Ich sah heute einen Landser sterben. Es ging mir sehr nahe, ich war matschig, ich muß es ehrlich gestehen.
Und unser Leben in unserem Bunker geht ganz gemütlich. Weihnachten steht vor der Tür. Man rüstet sich dazu. Martin Fengewisch bringt ab und wann einmal Baumschmuck mit, und unser Tiegde hat auch dazu schon vorgesorgt.
Bei Schlüsselburg, das in unserer Hand ist, sind 2 russische Divisionen durchgebrochen. Man will ihrer habhaft werden. Auch soll lebhafte Einzel– und Kolonnenverkehr auf dem Ladogasee sein. Und hier soll der Russe auch wieder angreifen.
23. Dezember 1941
Am Abend vor Heiligen Abend sitze ich auf unserem Sofa im Bunker und schreibe das Tagebuch. Einen Kopfhörer habe ich um und höre irgendwelche Weisen, die an mein Ohr dringen. Jetzt will ich aber die letzten Tage nachholen.
Vorgestern und gestern war tüchtiges Tauwetter. Es war ordentlich matschig. Steifer Westwind brachte die Schnee– und Eismengen zum Tauen. Aber heute Morgen brachte ein Nordwest wieder Frost. So waren heute abend schon wieder –10° C.
Unsere B–Stelle ist jetzt im Beobachtungsstand der Artillerie. Wir wollen uns das mit der Zeit noch häuslicher einrichten, so mit Ofen und dergleichen. Von dieser B–Stelle machte ich gestern einige Aufnahmen durch das Scherenfernrohr. Hoffentlich sind die Aufnahmen einigermaßen scharf geworden. So fotografierte ich den Turm der alten „Lützow“ (Vormals Panzerschiff Deutschland), die Kirowwerke und die Mole mit Kränen usw. (Anmerkung: Die Bilder sind teils gut geworden, wie die Aufnahmen zeigen.)
Unser Bunker ist jetzt ein Schalthaus geworden. Ein gewöhnlicher Sterblicher sagt schon, daß er dort gar nicht mehr dazwischen durch findet. Jetzt haben Tiegde und ich Radio von III. Bataillon hergelegt. Das Hören erfolgt mit Kopfhörern, zwar etwas primitiv, aber besser als überhaupt nicht.
Gerade dringt ein Tango an mein Ohr, zwar aus weiter Ferne. Ach, das weiß keiner zu schätzen, was einem so etwas Musik gleich bedeutet. Das Herz geht ordentlich auf. Und beim „Stern von Rio“ heben und senken sich die Fußspitzen. Ja, Musik ist eben ein Genuß, zumal wenn man ihn lange Zeit entbehren mußte.
Heute mußte ich mich gezwungenermaßen sogar in einen vollgeschneiten Graben hinlegen, weil so ein blöder Panzer schoß. Der setzte sein Schüsse genau über das Schulgebäude, in dem unsere B–Stelle ist, hinweg. Später lagen die Schüsse genau oben im Dach. Aber angenehm war es dort im Schnee bestimmt nicht.
26. Dezember 1941
Nun ist der zweite Weihnachtstag bald vorbei, da ich will ich nun beschreiben, was Kriegsweihnachten 1941 uns brachte.
Am Heilig Abend versammelten wir uns in der Feuerstellung, wo wir gemeinsam das Weihnachtsfest feierten. In dem Gemeinschaftsbunker, den Neuhoff und Heinz zu dem Zweck herrichteten, war die Bescherung. Ein Tannenbau, aufs Beste geschmückt, warf das Licht seiner Kerzen in den Bunker, Tannengrün und eine Hakenkreuzfahne schmückten den Raum. Im offenen Karree standen die Tische, gedeckt mit Dingen, die man uns bescherte. Und während wir drinnen Weihnachtslieder sangen und uns freuten über die Sachen vom Weihnachtsmann, da hörte man von draußen das Rattern der Maschinengewehre, und weiter vom Süden drang das Grollen der Front. Jenes Grollen, das uns von Berichten des ersten großen Weltkrieges bekannt ist. Dort feierte man Weihnachten auf kriegerische Art.
Aber was gab es dann alles? Unser Spieß hat gut für uns gesorgt. ½ Pfund Butter, Zigaretten, Keks, „Berliner“, Honigkuchen, Butterkuchen, Bonbons, Drops und mancherlei anderes Genabber. Auch die Letten und Esten erfreuten uns zu Weihnachten. Sie schickten uns Handschuhe, Socken und andere Wollsachen. Weiter wurden durch das „schwarze Schaf“ Beförderungen bekannt gegeben. Peters, Hesing und ich wurden Obergefreiter. Und weiter wurden einige Gefreiter, Oberschütze oder Obergefreite. Alkohol fehlte an den Abend, was die Weihnachtsstimmung erhielt.
Und am ersten Feiertag fotografierte ich einige Brustbilder und Ganzstatuen. Heute ist nun auch dieses Fest vorbei, jetzt freut man sich schon auf Sylvester und Neujahr!
29. Dezember 1941
Inzwischen ist Hein Südbeck bei uns eingetrudelt. Er soll den Posten „Melder zu Fuß“ haben. Piet ist dafür Richtschütze geworden, den Rodenberg ja früher ausfüllte. Südbeck fühlt sich weder wohl noch schlecht bei uns, er ging bis jetzt noch nicht auf, er ist ja auch vielleicht ziemlich verschlossen.
Gestern stieg auch unser „alkoholisches Weihnachtsfest“. Man war aber mehr oder weniger enttäuscht darüber. Den Punsch machte Neuhoff im Zinkkessel, der natürlich den Geschmack beeinträchtigte, so daß einem direkt übel wurde. Die Stimmung war sonst mäßig.
Und weiter hörte ich, daß südlich Krivowo (?) eine ganze Division vom Russen aus den Stellungen geworfen woren ist. Eine Panzerregiment ist im Anrollen, um den Gegenangriff zu machen. Tichwin ist ebenfalls geräumt worden von deutschen Truppen, jetzt hat er da auch wieder Bahnverbindung, das ist peinlich aber wahr.
Tiegde ist heute zum Zahnarzt, viel Spaß für ihn, er jammerte schon vorher schon tüchtig. Rö-mann ist momentan im Erholungsheim. Sonst nichts von Bedeutung.
03. Januar 1942
Der Silvesterabend verlief ruhig ohne viel Alkohol. Um 23.00 Uhr knallte der Russe mit seinen schweren Waffen. Er ist dann wohl in des neue Jahr gegangen. Aber um 24.00 Uhr knallten unsere Waffen tüchtig. Es war direkt Angriffsmusik. Der 1. Januar war auch gleichzeitig der kälteste Tag, den wir bis jetzt erlebten, –36° C.
Pro Mann eine halber Flasche Sekt ließ am Abend eine gemütliche Stimmung aufkommen. Ebenfalls beschossen wir in der Nacht bei Mondschein 2 russische MGs, während wir am Neujahrstage einen leichten Sowjetgranatwerfer bekämpften.
Heute kam Bischoff zum Erholungsheim, Sonst ist nichts passiert.
Hiermit enden die Tagebuchaufzeichnungen. Als nächstes ist der Bericht über die Kämpfe vom 22. bis 24. März 1942 vorhanden.
Gefechtsbericht vom 22. Bis 24. März 1942 (Bei Teremez Kurljandskij)
Am Abend des 22. März geht der I. Zug, dem Kradschützenbataillon 30 unterstellt,2 km nördlich von Teremez Kurljandskij mit der Front nach Osten in Stellung. Durch versprengte Russen, die sich noch in den Wäldern aufhalten, wird der Gefr. Andreas Andersen schwer verwundet. Der späte Abend und die Nacht dient zum Munitionsschleppen, das Schlafen ist in der Kälte doch nicht angenehm. Bald sind außer 36 Schuß 38er Munition etwa 120 Schuß 18er Granaten in der Feuerstellung. Die Fahrer bringen den Bedienungen Essen und Decken zum Schlafen.
Bald graut der Morgen des 23. März, dem 3. Frühlingstage. Keiner weiß, was dieser Tag dem Zug bedeuten wird. Mancher ahnt es vielleicht!
Gar nicht lange dauert es, bis die russische Wundertüte oder die Stalinorgel anfängt, einen Spektakel zu fabrizieren. Dazu liegen hinter der Feuerstellung im Walde die Einschläge einer schweren Sowjetbatterie. Russische Granatwerfer mischen sich in die Musik ein.
Der Russe greift an. Die deutsche Abwehr soll einsetzen, aber zum Unglück hat der Artilleriebeobachter keine Verbindung, zum Unglück haben die Granatwerfer nur einige Granaten bei sich, zum Unglück ist nur wenig Munition an den Maschinengewehren. Der Russe kommt mit ein paar schweren Panzern. Die russische Infanterie wird abgewehrt. Da Oberfeldwebel Müller zufälligerweise gerade zum Waschen und Rasieren zu den Fahrern ist, schießt Ogefr. Dose etwas 70 bis 80 Granaten auf den Waldrand, aus dem der Russe kommt. Es gelingt, Baumkrepierer zu erzielen, deren Wirkung gleich den Abprallern ist.
Aber schon ist Oberfeldwebel Müller auf der B–Stelle. Sämtliche Bedienungsmannschaften sind bei den Geschützen, als sowjetische Panzer die deutschen Infanteristen vor sich hertreiben. Allein steht nun der I. Zug den Panzern gegenüber. Fast gleichzeitig eröffnen die Geschütze von Uffz. Fengewisch und Ogefr. Aumann das Feuer auf einen Panzer. Buschwerk beungünstigt das Schießen, so kann nur geschossen werden, wenn der Panzer auf freiem Schußfeld steht. Es gelingt dem Geschütz von Uffz. Fengewisch nach 2 Schüssen, die über den Panzer weg gehen, einen Treffer mit der IG 38 zu erzielen. Der Schuß bleibt ohne Wirkung. Da verschwindet der Panzer wieder im Buschwerk. Und Aumann Geschütz hat Glück, einen zweiten schweren Panzer so zu treffen, daß das Ungetüm angeschlagen zurück fährt.
Aber der erste Panzer wühlt bereits hinter der Feuerstellung herum. Ogefr. Müller geht mit Aumann Geschütz hinter dem Panzer her. Das Ungetüm knallt wird um sich herum. MG–Garben zischen auf den Panzer, ab und wann von Kanonengranaten unterbrochen. Dem Geschütz von Aumann gelingt es, dank seiner Bedienung, Treffer auf dem Panzer zu erzielen. Die Wirkung ist aber gleich Null. Durch Buschwerk nimmt das Ungetüm nun Kurs auf die Feuerstellung, in der es Munition, Koppelzeug und viele andere Gegenstände platt wie Briefmarken drückt. Jürgens und Tiefenbach setzten dem Panzer mehrere Treffer vorne auf die Platten. 20 m ist der Koloß noch entfernt. Im Rundblickfernrohr kann Jürgens ihn schon greifen. Zum Glück hat er seine Kanone vom eigenen Geschütz abgewendet, aber ungestört rast der Panzer weiter. Die Munition ist leider alle, sonst käme noch ein Schuß auf den Panzer. Wütend brummt der Motor auf, als der Panzer das Geschütz knacken will. Es läuft (rollt) vor dem Panzer her, aber bald findet der Sporen doch einen Widerstand. Da bricht das dem Zuge auf einem Male so lieb gewordene Geschütz zusammen. Alles ist total verbogen. Nur das Rohr hält dem Druck stand.
Jetzt ist der Schreck vorbei. Die eigene Infanterie setzt im Gegenstoß den Panzern nach und bezieht wieder die alte Stellungen. Im direkten Beschuß sausen Granaten den Russen nach. Das beruhigt etwas die Kradschützen. Viele rauchen in Ruhe eine Zigarette. Neugierig betrachtet man das Wrack, ehemals war es ein Infanterie–Geschütz. Mancher hat einen Kanten Brot in der Hand und mit Schmunzeln läßt er sich ihn gut schmecken. Auch die Kälte ist vollends gewichen. Keiner geht mit Handschuhen oder Kopfschützer. Man besinnt sich wieder. Ltn. von Bothmer schüttelt Oberfeldwebel Müller die Hand und bedankt sich dafür, daß die IG–Leute sich famos gehalten haben.
Aber da kommen schon die dem Zuge vertrauten Ratschbum–Schrapnells. Die H.K.L (Hauptkampflinie) etwas zurück gezogen, ist voll besetzt. Jetzt kommen 3 Panzer, dieses Mal mit Infanterie, und das ist peinlicher. Als Ltn.von Bothmer, ein guter Soldat, nur sagt: „RAUS“, da hastet alles zurück. Die Drahtverbindung ist zur Feuerstellung gestört. Oberfeldwebel Müller ist unglücklicherweise zum Einweisen des Zeltebauens bei den Fahrern. Wieder pfeifen die MG–Kugeln. Die Panzerkanonen sprechen. Die Bedienungen können sich nicht gegen den russischen Ansturm halten. Ogefr. Aumann hockt bei seinem Geschütz. Da erhält das MG einen Granatvolltreffer vom Panzer, so daß es unbrauchbar ist.
Die Kradschützen sind schon weit zurück. Russische Infanterie präsentiert sich der Feuerstellung. Da entschließt sich Aumann, den Befehl von Oberfeldwebel Müller auszuführen. Er reißt die Schnüre von den Sprengladungen des Geschützes und der 38er Munition ab. Dann eilt auch er den Kameraden nach. Detonationen erschüttern die Luft. — Die Panzer kommen aber wieder durch das Buschwerk, sie wollen der Minengefahr begegnen.
In wildem Haufen kommen die Russen die Erikaschneise hoch. Ein MG rasselt dazwischen. Andere Feuerwaffen reihen sich ein in das Gefecht. Minen werden eilig auf die Schneisen gelegt. Aber da kommen die Panzer durch den Wald, den tiefen Schnee und die teilweisen 30 cm starken Tannen nicht schonend. Ein Unteroffizier wird getroffen von einer Panzergranate. Grausam ist der Anblick. Überall gehen die Kradschützen den Panzern aus dem Wege, angeblich haben sie schon einmal ein Panzerdrama erlebt, das sie so verhalten läßt.
Nun kommen die versprengten Russen auch wieder zur Geltung. Plötzlich treten diese unter dem Dickicht hervor. So wird Schütze Windisch verwundet. Da tritt ein Russe hervor und gibt zu verstehen, daß 8 – 9 deutsche Soldaten die Hände hoch nehmen sollen. Schon fallen 2 Schüsse zugleich, der Russe bricht zusammen, getroffen vom Gewehr von Oberfeldwebel Müller und dieser bricht zu Boden, vom Russen an der Schulter verwundet. Die seelischen Beanspruchungen der letzten Tage bleiben nicht ohne Wirkung bei Oberfeldwebel Müller. So gehen im ersten Augenblick die Nerven mit ihm durch. Gleich hat er sich aber wieder besonnen, Aumann und Tiedje bringen den Verwundeten zurück. „Haltet Euch tapfer!“ meinte der Zugführer noch zu seinen Leuten.
Der Russe schießt vom Punkt 40,5 mit Pak und MG die Dora–Schneise entlang. Die Landser springen zur Seite, aber da ist es schon zu spät. Bischoff ist am Fuß verwundet. Sofort bellen die Karabiner der Bedienungsmannschaften auf und einige Russen, von Kugeln getroffen, fallen in den Schnee. Schütze Miksch (?), erst tüchtig geschossen, wirft eine Eierhandgranate, vergißt leider, diese abzureißen. Schon jetzt hat es einige Russen gekostet.
Nun sieht Feldwebel Eberhardt sich der gleichen Lage wie in Beaumont (Belgien) gegenüber, nämlich ohne Geschütze und ohne Zugführer. Ruhig und tief besonnen äußert der dem Zug so liebe Feldwebel: „Nach mir Fengewisch und nach Fengewisch Dose.“ Dann aber kommt der Gegenstoß unter Ltn. von Bothmer. Gruppe Eberhardt und Fengewisch sichern den linken Flügel und gehen so vor. Feldwebel Eberhardt meint zu Dose: „Und wenn man zurück geht, dann gibt man ein schlechtes Beispiel.“ Vielleicht ahnt der Sprecher schon etwas. Langsam geht es voran, oft auf Russen schießend. Wieder sitzen an einer Stelle ein paar Russen. Aber da ist es schon zu spät, drei Schreie kommen zugleich aus verschiedenen Mündern. Ein paar Mann treten hinzu, Ogefr. Dose jagt einen Feuerstoß aus der MP in den Busch, hier ist jetzt Ruhe, nur die Panzer brummen in der Nähe. Ogefr. Jürgens nimmt Fritz Ficken auf und bringt ihn zurück. Dose ruft zu Martin Fengewisch: „Martin komm!“ Aber dieser hockt vorne über geneigt, an einem Zweige festgebissen und antwortet nicht. Keine Wunde ist zu sehen. Uffz. Fengewisch ist tot. Dose nimmt Bartels auf den Rücken und trägt ihn zurück. Jetzt nimmt Klintworth ihn. Aber da kommt der Panzer. Die Bäume fallen. MG–Kugeln werden im Wald zu Querschlägern, die unberechenbar umher fliegen. Dazu die Einschläge der Panzerkanone. Ogefr. Südbeck ist von einem Splitter am Knie verwundet. Bartels muß liegen bleiben. Einer denkt an Schillers Bürgschaft: „Zurück, Du rettest den Freund nicht mehr, so rette Dein eigenes Leben.“ Jedoch hat der Bartels Glück. 4 Meter von ihm knallt das Ungetüm wie wild um sich, dann trollt es zurück, einen Benzindunst hinterlassend. Jetzt wird Bartels geholt. Am Verbandsplatz treffen sich mehr Leute des I. Zuges. Peters, Hesing, Bischoff, Ficken, Windisch, Bartels, Mickerl (?) und Südbeck. Aber wo ist denn auf einem Male Oberfeldwebel Eberhardt? Jürgens und Dose suchen ihn, während Heins und Tiefenhoff auf einem Spähtrupp sind. Aber man findet ihn nicht. Wo ist er nur? Er, an den die restlichen Leute sich halten müssen. Aber nein, Feldwebel Eberhardt gilt als vermißt. Jürgens und Dose suchen den toten Uffz. Fengewisch. Sie versuchen ihn zu tragen, aber der Schnee, die gestürzten Bäume lassen den leblosen Körper nicht transportieren. (Dabei wird festgestellt, daß die Pistole 08 bereits fehlt.)
Der Tag neigt sich, der I. Zug, 13. Kompanie IR 154 zählt als Gefechtsstärke noch ganze 7 Mann. Ogefr. Dose stellt die Meldung auf, die noch niemals von dem Zug abgegeben wurde und meldet dieses Oberleutnant Ohlsen. Dieser, tief erschüttert, dankt und teilt die 7 Mann bei Obltn. Greift als Bataillonsreserve ein. Neuhoff bringt Verpflegung. Eine Zigarette, ein Moment der Besinnung, da kommen Dose die Tränen!
Das warme Essen schmeckt gut, aber da heißt es schon wieder, einen Spähtrupp zu machen, so gehen Ogefr. Jürgens, Dose und Gefr. Römann los. Der Auftrag wird erfüllt. Anfangs sieht das Unternehmen schwierig aus. Jetzt ist es halb so schlimm. So können die drei dem Hauptmann melden, daß die Erikaschneise und ein bestimmtes Waldgebiet vom Feinde frei ist. Jedenfalls zu dieser Zeit.
Der 24. März bringt wieder Waldgefechte, dieses Mal ostwärts der Doraschneise. Hierbei wird Ogefr. Tiefenhoff verwundet, Römann erhält einen Kopfstreifschuß. Schwer ist der Abtransport von Tiefenhoff durch den Schnee. Schließlich wird Walther Heins vermißt, er kommt irrtümlicherweise zu einer anderen Einheit. Da sind noch 4 Mann da. Dose geht zum Regiment, IR 209 ist im Anmarsch. Der Zug sammelt sich bei den Fahrern. Gefr. Heins findet sich wieder ein.
Aber Feldwebel Eberhardt fehlt. Nicht alles läßt sich durch Tatsachen bekunden, vieles ahnt man, manches kann gefühlt werden. So möchten die restlichen Leute des Zuges mit Bestimmtheit annehmen, daß Feldwebel Eberhardt nicht mehr unter den Lebenden weilt. Eine feindliche Kugel wird ihn tödlich getroffen haben. Ehre seinem Angedenken!
W. Dose, Ogefr.
Nachwort von Gerhard Friedrich Dose
Nach den Kämpfen am 26. März 1942 wurde die fast aufgeriebene Einheit zur Auffrischung und Erholung in rückwärtigen Stellungen stationiert. Untergebracht waren sie nach dem Tauwetter teils in Blockhäusern und teils in Zelten auf einem Bauernhof, der die Kampfhandlungen noch relativ gut überstanden hatte.
Um die Verbindungen zu anderen Einheiten bei dem durchweichten und matschigen Boden herstellen zu können, wurden Knüppeldämme und Laufstege gebaut. Auch eine Art Sommerlaube wurde errichtet, in der fleißig Skat gespielt werden konnte. Ebenso wurden die sanitären Verhältnisse wesentlich verbessert, indem man neue Latrinen baute. Zur Körperpflege gehörte auch der lange vermißte Haarschnitt.
Am 1. Mai wurde mein Bruder zum Unteroffizier befördert und am 25. Mai zur Ersatzeinheit in Dänemark versetzt, um von dort aus auf die Offiziersschule in Beverloo, Belgien, geschickt zu werden. Auf der Fahrt nach Dänemark konnte er in den ersten Junitagen in Mölln unsere Mutter kurz besuchen. In Dänemark bekam er sofort Urlaub und fuhr wieder nach Mölln.
Einige Tage nach der Ankunft in Mölln, gingen unsere Mutter und er mit dem Nachbarn, der als Uffz. gerade auch auf Urlaub war, und mit dessen Frau ins Kino. Während der Film lief, wurde ihm so warm, dass er seinen Uniformkragen öffnete und bat, dass sie nach Hause gingen. So verließen sie vorzeitig das Kino. Als sie zu Hause waren, bekam er noch Schüttelfrost, so dass unsere Mutter sofort den Standortarzt anrief. Oberstabsarzt Dr. Harke, den wir auch persönlich kannten, verfügte sofort seine Verlegung ins Lazarett nach Lübeck. Dort stellte man nach einigen Tagen fest, dass er Malaria habe, die er sich in den Wolchowsümpfen zugezogen haben muß.
Da ich selber zu der Zeit Praktikant beim Dornierwerk in Lübeck war, konnte ich ihn fast täglich besuchen. Dabei habe ich erlebt, wie er einen solchen Malariaanfall überstehen mußte. Solche Anfälle kamen täglich.
Da das Lazarett in Lübeck auf solche Krankheiten nicht eingerichtet war, wurde er und noch zwei weitere Feldwebel, die ebenfalls Malaria hatten, nach Hamburg ins Tropenkrankenhaus verlegt. Die gezielte Behandlungen bewirkte, dass er dann doch im Juli wieder in Mölln auf Genesungsurlaub war. Während dieser Tage bekam ich dann meinen Einberufungsbefehl zur Luftwaffe. Ich beendete sofort mein Praktikum, um die letzten Tage noch in Mölln zu verbringen, wußte ich doch nicht, wann wir drei wieder einmal zusammen sein würden. Wir verbrachten bis zu meiner Abfahrt sehr vergnügliche Tage und badeten viel im an unser Grundstück grenzenden Schulsee.
Am 14. Juli abends brachten meine Mutter und mein Bruder mich zur Bahn, da ich mich am nächsten Morgen in der Kaserne in der Fackenburger Allee stellen mußte. Das war das letzte Mal, dass ich ihn sah und nicht wußte, dass ich meinen ersten Urlaub wegen seines Todes bekommen würde.
Nach seinem Urlaub fuhr er wieder nach Hamburg ins Tropenkrankenhaus, wurde nach erneuter Untersuchungen zum Genesungsbataillon in Dänemark geschickt. Von dort wurde er am 13. 08. 42 in die Ersatzkompanie versetzt, um von dort am 12. Oktober nach Beverloo zur Offiziersschule IV zu fahren. Nach Abschluß der Ausbildung wurde er am 1. 12. 1942 morgens Feldwebel und abends Leutnant. Am 14. 12. fuhr er dann wieder nach Dänemark zur Ausbildungskompanie und konnte Weihnachten nach Mölln auf Urlaub fahren. Im neuen Jahr war er dann zur weiteren Ausbildung in Munster Lager und sollte auch noch nach Harburg zur Pionierausbildung.
Obgleich er mit der Malaria nicht mehr fronttauglich war, meldete er sich bei seinem Divisionskommandeur und bat, wieder an die Front versetzt zu werden. So fuhr er Mitte März wieder Richtung Leningrad und kam als Zugführer in die 13. Kompanie Gren. Regt. 209 in der 58. Gren. Div.
Am 28. Mai 1943, am meinem 19. Geburtstag, hat er mit dem Artilleriebeobachter, Leutnant Dr. Beese, einen Flasche Weinbrand auf mein Wohl geleert. Sie sind dann hinter den Bunker gegangen und haben die Flasche zerschossen. Im Bunker schrieb er mir dann eine Glückwunschkarte, auf der er das vorstehende schilderte. Anschließend machte er einige Beobachtungen mit dem Scherenfernrohr, entdeckte eine neue russische Stellung und wollte die in die Karte eintragen. Der Kartentisch stand unter dem Lichtschacht, der senkrecht durch die Bunkerdecke ging. Den ganzen Tag war es ruhig gewesen und es war kein Schuß gefallen. In dem Moment, als mein Bruder sich über die Karte beugte, flog eine Granatwerfergranate genau in den Lichtschacht, explodierte auf der Glasscheibe und mein Bruder bekam die ganzen Splitter in den Kopf und Oberkörper. Er lebte bewußtlos noch ca. 30 Minuten, obgleich ein Teil des Gehirns auf dem linken Oberschenkel auf dem Reitbesatz der Hose lag.
Die an mich geschriebene Karte bekam ich am 6. Juni in Südfrankreich in Berre l’Etang, wo ich in der 10. Kompanie Fliegerregiment 63 war. (Die Karte habe ich bis zu meiner Gefangennahme in Namür am 8. 9. 44 gehabt und wurde mir zusammen mit meinem Segelflugbuch trotz Protest abgenommen.) Gleichzeitig mit der Karte erhielt ich das Telegramm meiner Mutter: „An Deinem 19. Geburtstag starb Dein Bruder den Heldentod. Bitte komme sofort, Mutti“. Ich konnte am nächsten Tag von Marseille über Belfort, Köln, Hamburg nach Mölln fahren. Für die Fahrt brauchte ich 1 ½ Tage. Man hatte aber in der Schreibstube irrtümleicherweise „Erholungsurlaub“ statt „Sonderurlaub“ eingetragen, so dass man mir nach der Gelbsucht im Oktober 43 vom Lazarett in Arras keinen Genesungsurlaub bewilligte. Der Spieß unserer Kompanie, Feldwebel Kurt Jedamski hatte aber ein Einsehen, so dass ich dann Ende November wieder auf Urlaub fahren konnte, zumal ich wegen der offen Füße nach der Erfrierung im Februar 43 nicht dienstfähig war.
Ich ließ mich in Mölln im Standortlazarett behandeln und traf dort auch Oberstabsarzt Dr. Harke wieder. Das Möllner Lazarett schrieb mich reiseunfähig. So konnte ich bis Sylvester in Mölln und am ersten Weihnachtsfest nach dem Tode meines Bruders zu Hause sein. Es war auch mein letzter Urlaub als Soldat. Es sollte drei Jahre dauern, bis ich Weihnachten wieder zu Hause sein konnte und das auch nur, weil wir „schwarz“ auf Urlaub aus der Kriegsgefangenschaft fuhren.
Quellenangabe:
Gerhard Friedrich Dose (geb. am 28. Mai 1924) hat die handschriftlichen Aufzeichnungen seines Bruders übertragen. Weitere Infos und Fotos finden sie hier: http://www.collasius.org/ZEITZEUGEN/1941-00-dose/41dose00.htm
Ergänzt mit zwei Berichten aus der Soldatenzeitung „Front“ von Kriegsberichter Dr. König.
zurück
|