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PRESSEBERICHT - 26.07.2008

WAZ - DER WESTEN-Online / Geraldine Lakermann

" WO DIE TOTEN BLIEBEN "
Seit fünf Jahren betreut der Oer-Erkenschwicker Ludger Bäumer die Internetseite weltkriegsopfer.de. Über 20 Ehrenamtliche aus mehreren Ländern helfen bei der Suche.

Es gibt immer noch Menschen in Deutschland, die nach ihren Toten suchen. Auch mehr als sechs Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg. Ludger Bäumer hilft ihnen seit fünf Jahren dabei. Angefangen hatte sein Engagement für die Seite weltkriegsopfer.de mit seiner eigenen, frustrierenden Ahnenforschung. Meistens sind es die Enkel und Urenkel, die sich dafür interessieren, wo der Großvater, der Uropa gefallen ist. Wo er begraben liegt. Auf Bäumers Internetseite können sie nach ihm suchen oder ihm mit eigenen Einträgen ein Andenken schaffen.

„Heute bekommen wir fast mehr Anfragen für den Ersten Weltkrieg als für den Zweiten”, erzählt der Oer-Erkenschwicker (52). Damit man das nicht falsch verstehe: Seine Homepage sei eine reine Ergänzung zu der Datenbank des Volksbunds Deutscher Kriegsgräberfürsorge. Der VDK hat immerhin vier Millionen Einträge über gefallene und verschollene Soldaten online. Doch von den über 600 Oer-Erkenschwicker Toten finden sich nur 250 beim VDK. „Oft sind die Schreibweisen unterschiedlich, und dann findet man seinen Angehörigen einfach nicht”, sagt Bäumer.

Über 20 Mitarbeiter aus mehreren Ländern arbeiten Bäumer zu, alle ehrenamtlich. Sie fotografieren Friedhöfe und Gedenksteine, sie sammeln inoffizielle Sterbelisten, die in einzelnen Kompanien aufgeschrieben wurden. Eine wertvolle Bereicherung sind sogenannte Sterbebilder, die früher angefertigt wurden, um den lieben Toten in der Tasche oder im Portemonnaie immer dabei zu haben: „Da finden sich genaue Informationen darüber, wie ein Soldat hieß, wo er herkam, was er machte. Und man hat sogar ein Bild.” Diese Sterbebilder und Gebetsandenken kaufen die Ehrenamtlichen von weltkriegsopfer.de massenweise an und bearbeiten sie. Wenn sie fertig eingepflegt sind, kommt man von einem Soldatenbild zu seinem Namen, vom Namen zum Friedhof, auf dem er liegt, vom Friedhof wieder zum Bild oder zu Tagebucheinträgen des Soldaten aus dem Krieg. Es ist die Vernetzung der verschiedenen Daten, die das Angebot für Suchende so interessant macht.

Ein halbes Jahr hatte Bäumer mit seinem Freund Martin Hahn die Datenbank programmiert, bis sie ihren Anforderungen genügte. Heute, fünf Jahre nach dem Start (damals noch als soldatenfriedhof.de), ist der Zuspruch immer noch groß. Manchmal landen hundert Anfragen im E-Mail-Postfach von Ludger Bäumer – so viele, dass er nicht mehr hinterherkommt und automatisch eine vertröstende Abwesenheitsnotiz schicken lässt.

„Ich bin auch schon angefeindet worden für unsere Arbeit”, sagt Bäumer. Er hat einen Text verfasst, der erklärt, worum es ihm und den anderen geht. „Das hat nichts mit Heldengedenken zu tun, wir setzen denen kein Denkmal.” Er wolle „den Opfern von Krieg und Gewalt einen Namen geben”, mehr nicht. Klar stoße man da auch an Grenzen. „Was macht man mit einem Kriegsverbrecher? Sicher hatten viele in der Zeit Dreck am Stecken, aber im Großen und Ganzen? Ich geb' da kein Urteil ab.” Bäumer hat sich dafür entschieden, die Datenbank ohne moralische Bewertungen zu führen.

Bäumer ist sich bewusst, dass sein Hobby ein Fass ohne Boden ist. Sucht man nach der Geschichte eines Einzelnen, tun sich die von vielen wieder auf. Eine Frage führt zu nächsten. Jede Einzelne ist es wert, beantwortet zu werden, glaubt Bäumer. Manche Schicksale gehen ihm nicht mehr aus dem Kopf: „Wie drei 18-Jährige Fahnenflucht begingen und erwischt wurden zum Beispiel. Sie wurden auf dem Dachboden eingesperrt, der Pfarrer besuchte sie, als Mahlzeit gab es eine Zigarette und ein Brot mit Rübenkraut. Dann wurden sie geholt, an einen Pfahl gestellt und erschossen.”

„Heute ist es bequem, auf Knopfdruck startet eine Rakete”, sagt der arbeitslose Maschinenschlosser nachdenklich. Doch tote Soldaten gibt es auch heute noch. Wie Matthias, Michael und Michael, die sich in einer von Bäumers Internetlisten finden – sie starben im Mai 2007 bei einem Selbstmordattentat in Kabul.

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